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Theodor W. Adorno: Einführung in die Dialektik : Das Geschäft der intellektuellen Atomzertrümmerung

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp

Er möchte reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: Theodor W. Adornos im Sommersemester 1958 gehaltene Vorlesung „Einführung in die Dialektik“ liegt nunmehr als Band zwei der Nachgelassenen Schriften vor.

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          Adorno, der von den Nazis Vertriebene, war mit einer skandalösen Verzögerung von fast acht Jahren 1957 endlich formell zum Ordinarius für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt ernannt worden. Seitdem ließ er seine am Dienstag- und Donnerstagnachmittag gehaltenen Vorlesungen per Tonband aufzeichnen, um sie für private Zwecke zu transkribieren. Dieser ungewöhnlichen Praxis ist es zu verdanken, dass auch die im Sommersemester 1958 gehaltene Vorlesung „Einführung in die Dialektik“ als Band zwei der Nachgelassenen Schriften nunmehr vorliegt.

          So kann sich der Leser einen Eindruck verschaffen von der bildungspolitischen Mission Adornos, von der Faszination, die von diesem mittelgroßen Mann auf dem Podium ausging, dessen dunkle Augen lebhaft interessiert durch die Gläser der altmodisch anmutenden Hornbrille blitzen, als er seine Zuhörer anspricht: „Meine Damen und Herren, ich hatte versucht, Ihnen einen Vorgeschmack zu geben von der eigentlichen Schwierigkeit dialektischen Denkens, nämlich der, dass der Wahrheitsbegriff selber, den das dialektische Denken hat, kein statischer Wahrheitsbegriff ist.“

          Trotz hohem Bekanntheitsgrad noch im kleinen Hörsaal

          Für das Auditorium der Vorlesung, die in nuancierter Diktion auf der Grundlage weniger handschriftlicher Notizen vorgetragen wurde, genügte damals, wie sich Jürgen Habermas erinnert, der kleine Hörsaal. Dennoch hatte sich Adorno in der Rolle des öffentlichen Intellektuellen schon einen Namen gemacht. Seinen immer größeren Bekanntheitsgrad nutzte er dazu, in Rundfunkvorträgen davor zu warnen, dass das Nachleben der nationalsozialistischen Mentalität in der Demokratie potentiell bedrohlicher sei als das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie. Zugleich hält er auf Fachkongressen zwei vielbeachtete Vorträge über Aspekte der Hegelschen Philosophie und veröffentlicht bei Suhrkamp jene kultur- und literaturkritischen Essays, die das lesende Publikum mit der Gedankenwelt des Frankfurter Homme de lettres vertraut machen.

          Das Kolleg im Sommersemester sollte auch eine Art Probelauf sein für die im November zu haltenden drei Vorträge an der Pariser Faculté des lettres et sciences humaines. Von seinen Erlebnissen in der Hauptstadt des neunzehnten Jahrhunderts, die für Adorno wie ein zweites Zuhause war, zeugen die im Feuilleton der F.A.Z. publizierten Betrachtungen über den französischen Impressionismus: „Im Jeu de Paume gekritzelt“.

          Im „Medium des Begriffs“

          Mit seiner Vorlesung, mit der er, wie er sagt, Funken schlagen will, nimmt Adorno ein Thema auf, das er zuletzt in der mit Max Horkheimer geschriebenen, 1947 publizierten „Dialektik der Aufklärung“ behandelt hatte. Der Akzent ist im Abstand von über einem Jahrzehnt ein ganz anderer. Adorno verknüpft in seiner facettenreichen Vorlesung zwei rote Fäden. Zum einen verfolgt er auf seine eigenwillige Weise systematisch die Frage, wie Dialektik als Methode erkenntniskritisch praktiziert werden kann. Zum anderen setzt er in den zwanzig Vorlesungen immer wieder die beiden Typen der idealistischen Dialektik Hegels und der materialistischen Dialektik von Marx in Beziehung. Adorno will zeigen, dass der dialektische Erkenntnisprozess im „Medium des Begriffs“ den Zwangscharakter der sich geschichtlich in Widersprüchen bewegenden Gesellschaft zum Ausdruck bringt.

          Das Prozesshafte der dialektischen Erkenntnis ist Adorno zufolge einer Wahrheit angemessen, der prinzipiell ein „Zeitkern“ eigen sei - ein Gedanke, den er von Walter Benjamin übernimmt. Adorno, Feind ursprungsphilosophischen Denkens beziehungsweise einer ersten Philosophie, verwirft die gängigen wahrheitstheoretischen Konzepte wie die Korrespondenz-, die Kohärenz- und Evidenztheorie. Er setzt ganz auf Dialektik, weil sie die Philosophie der universalen Vermittlung alles Besonderen durch das Allgemeine sei. Sowenig wie dialektisches Denken nach dem Schema von These und Antithese in der Synthese seinen Endpunkt finde, so sehr sei Wahrheit etwas Prozesshaftes, sie bestehe in der kritischen Bewegung selbst.

          Die Triebkraft dialektischen Denkens

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