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Terry Eagleton: The Event of Literature : Welches Buch ist schon so praktisch wie eine Einkaufsliste?

  • -Aktualisiert am

Terry Eagleton Bild: Eamonn McCabe/Ullstein Verlag

Sein bevorzugter Aufenthaltsort ist der Platz zwischen allen Stühlen: Der Engländer Terry Eagleton bilanziert seine Überlegungen zu Literaturtheorie - und bleibt dabei stets der Polemik treu.

          Was war noch gleich Literaturtheorie? Eine Schule des Denkens mit und an Texten, die sich im Zwischenraum zwischen Literaturwissenschaft und Philosophie angesiedelt hatte? Ein internationales Netzwerk selbstverliebter, meist verbeamteter Intellektueller, denen Marx, Nietzsche, Freud, Saussure und Heidegger zu Kopf gestiegen waren? Zwar gibt es Schlimmeres, das einem zu Kopf steigen kann als das Denken der Genannten, gleichwohl aber scheint seit einiger Zeit kraft akademischer Sprachregelung festgelegt, dass von Literaturtheorie nur noch im Präteritum zu reden sei. In regelmäßigen Abständen wird irgendwo der „Tod der Theorie“ ausgerufen. Da mag es als gute Nachricht gelten, dass der britische Literaturwissenschaftler Terry Eagleton, selbst Verfasser eines Abgesangs (“After Theory“), mit „The Event of Literature“ eine Art Summa seiner Überlegungen zum Thema vorgelegt hat.

          Eagleton ist ein Mann der ausgehaltenen Widersprüche: Marxist und Thomist, politisch radikal und in Oxbridge sozialisiert, prominenter Literaturtheoretiker und scharfer Kritiker der eigenen Disziplin. Auch er beginnt mit einem melancholischen Rückblick auf die Ära der Literaturtheorie, die er an den Universitäten in kulturwissenschaftlicher Verdünnung dahinschwinden sieht; dass er die hohe Zeit der Theorie - aus britischer Perspektive - mit der guten alten Zeit der politischen Linken assoziiert, trägt nicht dazu bei, diese Melancholie zu verringern.

          „Kontinentale“ Laxheit gegen „angelsächsische“ Strenge

          Dann aber geht Eagleton dazu über, den angeblich abgerissenen Faden nahtlos weiterzuspinnen. Tatsächlich lesen sich große Teile seines Buches wie ein Who is Who der englischen und amerikanischen Theoriedebatten der siebziger Jahre. Allerdings stellt er sich dabei auf eine doppelte Grundlage: Neben die Denkschule der theory tritt die philosophy of literature, jene englischsprachige Tradition des Nachdenkens über Kunst und Literatur, die auf dem Boden der analytischen Philosophie steht.

          Mit grimmigem Vergnügen inszeniert Eagleton diese Gegenüberstellung als Kulturkonflikt zwischen „kontinentaler“ Laxheit des Gedankens und „angelsächsischer“ Strenge. Es scheint also bereits alles entschieden - wäre da nicht das eigentümliche Fremdeln der Philosophen gegenüber ihrem Gegenstand: „Ihre Kenntnis literarischer Werke scheint sich auf die Sherlock Holmes-Geschichten und den ersten Satz von Anna Karenina zu beschränken.“ Tatsächlich ist Eagleton zu sehr Literaturwissenschaftler, um nicht von der Stereotypie und dem ästhetischen Konservativismus der literarischen Bezüge befremdet zu sein, mit denen die philosophischen Debatten etwa um den Status des Fiktiven allzu oft nur garniert werden. Sein Platz ist offensichtlich zwischen den Stühlen, die er so sorgsam nebeneinander gestellt hat.

          Wie ein Jump-and-run-Spiel

          Andererseits bleibt sein Buch den Nachweis schuldig, dass in ihm ein Denken am Werk ist, das sich nur am literarischen Text entfalten, nur auf der Reise durch den Text zu sich kommen konnte: Lektüren im emphatischen Sinn des Wortes wird man darin nicht finden. Ein paar knappe Bemerkungen zu Miltons „Paradise Lost“, zu Charlotte Brontës „Jane Eyre“ oder zu einem Kindervers hie und da - das muss genügen. Als Stoff, an dem das Denken konkret wird, treten ersatzweise zwei andere Genres ein, in denen der Autor über eine besondere Begabung verfügt: das skurrile Beispiel und die Polemik. Letztere vor allem bildet den Treibstoff seines Buches.

          Wie er sich durch das Gestrüpp der Positionen von Weggefährten und Gegnern schlägt, das hat mitunter etwas vom atemlosen Rhythmus eines Jump-and-run-Spiels. Und wie beim Jump-and-run landet man dabei irgendwann neben der Piste. Aber keine Angst: Eagleton hat ziemlich viele Leben. Der Leser mag vielleicht wünschen, seine aphoristisch geschärften Thesen zum Begriff des Literarischen und der Fiktion aus der polemischen Nährlösung herausfiltern zu können, in der sie dahertreiben - doch das bleibt ein frommer Wunsch. Nur in der Polemik ist dieses Denken in seinem Element.

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