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Tarek Leitner: Mut zur Schönheit : Unser Dorf soll hässlicher werden

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Bild: Brandstätter Verlag

An den Idealen klassischer Schönheit orientiert sich in Österreich kaum noch einer: Tarek Leitner beklagt die zunehmende Verschandelung. Der Unterschied zwischen Stadt und Land schwindet.

          Das Bild der Landschaft als Gesamtheit von Natur- und Kulturfläche einschließlich der Bebauung und Infrastruktur kann unzweifelhaft als größte und sichtbarste Bühne eines Landes wahrgenommen werden. Mit „Mut zur Schönheit - Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs“ hat der Fernsehjournalist Tarek Leitner einen höchst aktuellen Zustandsbericht zur Thematik der ästhetischen Umweltbedingungen in der Alpenrepublik vorgelegt. Nach klassischen Vorgängerpublikationen wie „Bauen als Umweltzerstörung“ von Rolf Keller (1973), „Die Ware Landschaft“ von Friedrich Achleitner (1977) oder dem Ausstellungsbegleitbuch „Grün kaputt“ von Dieter Wieland (1983) liegt hier eine weitere Abhandlung vor, die mit Ansätzen auf unterschiedlichsten Ebenen den Ursachen der laufenden, oft negativen Veränderung unserer äußeren Lebenswelt auf den Grund geht.

          Leitner arbeitet sich in sechs Kapiteln mit plakativen Überschriften wie „Was wir verloren und bekommen haben“ oder „Wer unsere Umgebung so hässlich werden lässt“ am Thema ab und verzichtet dabei weitgehend auf Illustrationen und auf das probate Mittel des Vorher-nachher-Bildvergleiches. Im Unterschied zur geschönten Darstellung aus der Tourismuswerbung, die Klischees unberührter Naturlandschaft sowie verträumter Städte und Dörfer Österreichs bedient, kommt Leitner anhand der Fakten zur nüchternen Feststellung, dass Schönheit nurmehr aus Übereinkunft besteht - als Anpassung des Bildes an historische Realitäten, welche entweder nicht mehr existieren oder eben nurmehr in bestimmten Bildausschnitten und in extrem verengter Perspektive zu erleben sind.

          Die totale Verbauung des Landes

          Die Auswirkungen des Tourismus auf die Landschaft, ihre Kommerzialisierung und Verunstaltung mit Infrastruktur als Nebenprodukten der alpinen Unterhaltungsindustrie - exzessive Skigebietserschließungen, Sommerrodelbahnen, Gipfelwanderwege und ganze Themenregionen - werden von Leitner kritisch durchleuchtet. So stellt er die neuerdings von der österreichischen Hotellerie propagierten „Almhüttendörfer“ direkt der Perversion des kürzlich von findigen Geschäftemachern in der chinesischen Provinz durchgeführten Nachbaus von Hallstatt im Salzkammergut gegenüber.

          In einem kleinen Land mit 8,4 Millionen Einwohnern mit tatsächlich durch die Gebirgszone stark beschränktem Siedlungsraum werden heute täglich fünfundzwanzig Hektar Bodenfläche versiegelt. Das Ganze ist keineswegs starkem Bevölkerungswachstum geschuldet, sondern einer unverhältnismäßigen Ausdehnung der Flächenbedürfnisse jedes Einzelnen. So hat sich die statistische Flächenquote pro Einwohner für Siedlung und Verkehr seit 1950 auf 530 Quadratmeter verdoppelt, der Anteil an tatsächlicher Wohnfläche ist von fünfzehn auf vierzig Quadratmeter gestiegen. Ein Vorgang des großflächigen Verschlingens der Landschaft, der seit fünfzig Jahren unvermindert anhält und welcher ein geradezu apokalyptisches Zukunftsszenario mit der totalen Verbauung des Landes impliziert.

          Schönheit ist keine Kategorie heutiger Politik

          Ein Großteil des in den letzten Dekaden unter den Postulaten des Fortschritts, des Wachstums und der Wirtschaftlichkeit Gebauten weist einen offensichtlichen Mangel an Schönheit auf, der zwar von vielen erkannt wird, dem aber meist mit großer Gleichgültigkeit begegnet wird: Schönheit ist keine Kategorie der gegenwärtigen Politik - ein Umstand, den Leitner sehr beklagt und dem er den kulturellen Anspruch historischer Auftraggeber wie des Adels, der Kirche oder auch des roten Wiens mit den sogenannten Volkswohnungspalästen der Zwischenkriegszeit gegenübergestellt. Sogar ein totalitäres System wie der Nationalsozialismus hat sich noch an den klassischen Idealen der Schönheit orientiert und - wie etwa in einer aktuellen Ausstellung in Linz zu sehen - Siedlungen mit besserer Wohnqualität als bei vielen zeitgenössischen Sozialwohnbauten hervorgebracht.

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