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Tanja Walther-Ahrens: Seitenwechsel : Schwule Fußballer hat es nicht zu geben

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

In Sachen Coming-out stehen die Zeichen nicht wirklich auf Rosa: Das Thema „Homosexualität und Fußball“ wird in der Öffentlichkeit als Fata Morgana behandelt. Tanja Walther-Ahrens will dies mit ihrem Buch „Seitenwechsel“ ändern.

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          Das Theater „Deutscher Profi-Fußball“ hat erstaunliche Talente. Eins davon besteht darin, sich als ultimativer Star in einem fort neue Bühnen zu eröffnen. Seit dem Jahr 2004, da das Fußballmagazin „Rund“ erstmals ausführlich über die Situation schwuler Fußballer berichtete, kam dem stilsicheren Gesellschaftsmagnet Fußball gleichsam über Nacht eine solche neue Bühne dazu. Die Vorlage für das Stück, das sich je nach Tagesform „Coming-out“ oder „Coming-in“ nannte, war so schlicht wie durchschlagend: ein Spiel konsequent ohne Spieler, zyklisch aufgeblendetes grelles Licht, der Boulevard als gezielt gesteuertes Hintergrundgeräusch.

          Die Idee mit der leeren Bühne funktionierte bestens. Es gab nun regelmäßig Skandälchen, jede Menge Gerüchte, Eiertänze, Versteckspiele. Die mediale Daueraufschiebung der erhofft pikanten Sex-Beichten konstituierte in der Folge das System wie den Markt. Sportredaktionen - oft genauso homophob wie der Fußball selbst - machten einen auf Oberspielleiter und garantierten allenthalben Promischutz. Auflagen schnellten in die Höhe. Das Ganze kam daher wie ein permanent anrüchiger Fahndungslauf. Mittlerweile, nach sieben Jahren Spielzeit, weiß man es genauer: Deutschland hat ihn nicht, den schwulen Profi-Fußballer. Keinen einzigen. Er ist und bleibt eine Fata Morgana.

          Rückblick aus einer fernen Zukunft

          Es gibt Spiele, die nicht zum Spiel taugen, auch wenn sie unentwegt gespielt werden. Das zumindest legt das Buch „Seitenwechsel. Coming-out im Fußball“ von Tanja Walther-Ahrens nahe. Der Autorin ist es ernst mit dem Thema Homophobie. Sollte es irgendwann einmal um eine Analyse jenes konzertiert verschlafenen Nicht-Coming-outs der letzten Jahre gehen, gehörte sie unbedingt mit ins Boot. Als Stürmerin bis 1998 aktiv in der Bundesliga, als DFB-Beraterin und Delegierte der European Gay and Lesbian Federation ist sie eine echte Insiderin. Wie der deutsche Fußball tickt und dass er in politischen Fragen eher ein behäbiges Rhinozeros denn eine behende Antilope ist, muss man ihr nicht erklären. Die Sportszene schätzt sie als Realo-Frau, als eine, die auch ohne Honorar nach Hintertupfingen fährt, um Jugendliche für das zu sensibilisieren, was sie ihre Vision nennt: Offenheit und Vielfalt im Sport, ohne Ausgrenzung und Diskriminierung.

          Tanja Walther-Ahrens kennt also die Mühen der Ebenen, hält ihr Buch ganz im Kärrnerarbeits-Stil - ohne jeden Skandal, ohne Voyeurismus, unverstellt, informativ. Begriffe, Geschichten, Interviews, Experten. Das Materialhafte macht „Seitenwechsel“ zum Handbuch. Das hat sympathische Stärken, bringt das Ganze aber auch rasch an seine Grenzen. Denn von einer Insiderin will man nicht nur die Knochen und Muskeln des Event-Rhinozeros aufgezählt bekommen, sondern Erklärung für die spezielle Logik seiner exorbitanten Trägheit. Die hat die Autorin nicht vor zu liefern. Und so liest sich der Text bald wie aus einer weiten Zukunft zurück ins Jetzt geschrieben. Jenes Fernliegende muss sich um eine Zeit handeln, in der Blatter, Beckenbauer, Zwanziger & Co auf weitläufigen Herrensitzen hocken und zu nichts anderem mehr berufen sind, als Fußball zu schauen, im Fernsehen. Eine Zeit, in der es keine Eskort-Agenturen mehr braucht, damit schwule Profis zu ihren Sandbräuten kommen, keine implodierende Fifa, keine hochkorrupten Wettspielkartelle, kein aktiv beschwiegenes Doping, keine Sprech- und damit Denkverbote für Spieler. Glückliche, neue Zeiten, noch dazu besungen vom Offenheits- und Fairness-Manna des Jetzt.

          Wie eine Kettenreaktion

          Vision hin, Strategie her. Problematisch daran ist, dass Deutschland mitsamt seiner inneren Regierung Fußball gegenwärtig komplett in die andere Richtung unterwegs ist. Weniger Offenheit denn Durchfunktionieren lautet die Devise. Der Fetisch „Unternehmen Topleistung“ hält das Land schwer in Atem. Kein Wunder also, wenn selbst der Spielturnus der Profis - mit Fußballweltmeisterschaften, Champions League, Bundesliga, Europameisterschaften - immer stärker von Verschleiß, Müdigkeit und Ängsten dominiert wird.

          „So kaputt war ich noch nie“, erklärte Philipp Lahm, Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft, in einem Interview im Oktober 2010 und ergänzte: „Das ist wie eine Kettenreaktion: Am Anfang steht die Psyche, dann kommt der Körper, und dann kommt wieder die Psyche, weil man an Selbstvertrauen verliert.“ Sätze wie diese sind noch immer rar in einem Geschäft, das mit der psychischen Kartographie der Leere nicht gerade in einem Intimverhältnis steht.

          Doch auch in Sachen Coming-out stehen die Zeichen nicht wirklich auf Rosa. Philipp Lahm, der noch 2008 zusammen mit Tanja Walther-Ahrens und DFB-Chef Theo Zwanziger den Tolerantia-Preis für „herausragendes Engagement gegen Homophobie und Hassgewalt in Europa“ erhalten hatte, äußerte in einem aktuellen Interview vom Mai 2011 auf die Frage, ob sich schwule Fußballer denn nun outen sollen oder nicht, wenig hoffnungsfroh: „Für denjenigen, der es tut, würde es sehr schwer werden. Wir stehen jedes Wochenende in den Stadien unter Druck.“

          Schwule Profis ohne Marktwert

          Ein Lahmscher Fallrückzieher? Zuallererst wohl ein Indiz für das deutlich veränderte Klima einer zunehmend entgrenzten Gesellschaft. Steigende Meldungen etwa beim schwulen Berliner Überfalltelefon, wachsende Homophobie insbesondere bei Jugendlichen, wie die Studie „Deutsche Zustände“ von Wilhelm Heitmeyer belegt, oder die Tatsache, dass die Fußballweltmeisterschaften der Frauen bisher kaum als politisches Forum für Themen wie Diskriminierung oder Homophobie genutzt werden konnten, wären weitere.

          Keine andere Kommerz-Sportart zieht die Grenzlinie zwischen dem, was die Öffentlichkeit erreichen soll, und dem, was intern zu bleiben hat, so unhintergehbar, so punktgenau wie der Profi-Fußball. Diese Trennungslinie ist in den letzten drei, vier Jahren noch scharfkantiger geworden und wurde noch unerbittlicher umkämpft. Es ist diese Unerbittlichkeit, meint das Big Business, die die Massen sehen wollen. Ein Theater der Grausamkeit, das die Fankurve braucht, weil es sie stimuliert. Schwule Profis? Sind in dieser Inszenierung nur uncool, unverkäuflich, schlichtweg ohne Marktwert.

          Was für verspielte, lockere Zeiten, als der große Pelé - von der Fifa zum Weltfußballer des vergangenen Jahrhunderts gekürt - in einem Interview gegenüber dem brasilianischen „Playboy“ mal so rumplaudern konnte und wie nebenher erwähnte: „Als ich 14 oder 15 war, hatte ich eine Reihe homosexueller Beziehungen. Außerdem hatte ich meine erste sexuelle Erfahrung mit einem Homosexuellen.“

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