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Tanja Walther-Ahrens: Seitenwechsel : Schwule Fußballer hat es nicht zu geben

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Wie eine Kettenreaktion

Vision hin, Strategie her. Problematisch daran ist, dass Deutschland mitsamt seiner inneren Regierung Fußball gegenwärtig komplett in die andere Richtung unterwegs ist. Weniger Offenheit denn Durchfunktionieren lautet die Devise. Der Fetisch „Unternehmen Topleistung“ hält das Land schwer in Atem. Kein Wunder also, wenn selbst der Spielturnus der Profis - mit Fußballweltmeisterschaften, Champions League, Bundesliga, Europameisterschaften - immer stärker von Verschleiß, Müdigkeit und Ängsten dominiert wird.

„So kaputt war ich noch nie“, erklärte Philipp Lahm, Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft, in einem Interview im Oktober 2010 und ergänzte: „Das ist wie eine Kettenreaktion: Am Anfang steht die Psyche, dann kommt der Körper, und dann kommt wieder die Psyche, weil man an Selbstvertrauen verliert.“ Sätze wie diese sind noch immer rar in einem Geschäft, das mit der psychischen Kartographie der Leere nicht gerade in einem Intimverhältnis steht.

Doch auch in Sachen Coming-out stehen die Zeichen nicht wirklich auf Rosa. Philipp Lahm, der noch 2008 zusammen mit Tanja Walther-Ahrens und DFB-Chef Theo Zwanziger den Tolerantia-Preis für „herausragendes Engagement gegen Homophobie und Hassgewalt in Europa“ erhalten hatte, äußerte in einem aktuellen Interview vom Mai 2011 auf die Frage, ob sich schwule Fußballer denn nun outen sollen oder nicht, wenig hoffnungsfroh: „Für denjenigen, der es tut, würde es sehr schwer werden. Wir stehen jedes Wochenende in den Stadien unter Druck.“

Schwule Profis ohne Marktwert

Ein Lahmscher Fallrückzieher? Zuallererst wohl ein Indiz für das deutlich veränderte Klima einer zunehmend entgrenzten Gesellschaft. Steigende Meldungen etwa beim schwulen Berliner Überfalltelefon, wachsende Homophobie insbesondere bei Jugendlichen, wie die Studie „Deutsche Zustände“ von Wilhelm Heitmeyer belegt, oder die Tatsache, dass die Fußballweltmeisterschaften der Frauen bisher kaum als politisches Forum für Themen wie Diskriminierung oder Homophobie genutzt werden konnten, wären weitere.

Keine andere Kommerz-Sportart zieht die Grenzlinie zwischen dem, was die Öffentlichkeit erreichen soll, und dem, was intern zu bleiben hat, so unhintergehbar, so punktgenau wie der Profi-Fußball. Diese Trennungslinie ist in den letzten drei, vier Jahren noch scharfkantiger geworden und wurde noch unerbittlicher umkämpft. Es ist diese Unerbittlichkeit, meint das Big Business, die die Massen sehen wollen. Ein Theater der Grausamkeit, das die Fankurve braucht, weil es sie stimuliert. Schwule Profis? Sind in dieser Inszenierung nur uncool, unverkäuflich, schlichtweg ohne Marktwert.

Was für verspielte, lockere Zeiten, als der große Pelé - von der Fifa zum Weltfußballer des vergangenen Jahrhunderts gekürt - in einem Interview gegenüber dem brasilianischen „Playboy“ mal so rumplaudern konnte und wie nebenher erwähnte: „Als ich 14 oder 15 war, hatte ich eine Reihe homosexueller Beziehungen. Außerdem hatte ich meine erste sexuelle Erfahrung mit einem Homosexuellen.“

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