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: Tage der Wut - Punk wird dreißig Jahre alt

Alles Punk: Die Sex Pistols Bild: picture-alliance / dpa

Punk hat soviel Energie und Herz und Kopf, daß er dreißig Jahre lang hochansteckend blieb. Aber wer erinnert sich heute noch an die Anfänge? Bilder von den Sex Pistols, Singles von the Clash und der Film „American Hardcore“ helfen dabei.

          Vivienne Westwood sieht jetzt aus wie die Queen, in Würde gealtert. Johnny Rotten dagegen - aber besser kein Wort darüber, wie traurig der heute herumläuft. Oder doch, er will es ja so, er zeigt sich auch freiwillig in Realityshows: Es gibt da ein Foto im Bildband „A Tribute to Sex Pistols“ , das ihn beim Revival seiner Band im Jahr 1996 zeigt. Rotten trägt die Haare blondiert und zu einer Art Igelkrone aufbetoniert und einen glänzenden Anzug dazu. Aus Latex vielleicht?

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ganz egal, wie kaputt und bescheuert die Sex Pistols sich und ihr Comeback selbst fanden, ganz egal, daß aller Protest an ihnen wie an Latex abperlen mußte, weil sie genau wußten, daß es nur konsequent war, was sie da verbrachen, weil Punk für die Sex Pistols und ihren Impresario Malcolm McLaren immer schon ein cleveres Geschäft war - alles ganz egal: Das zu sehen, diese elenden Figuren, die einmal so unendlich lebendig waren, treibt einem die Tränen in die Augen.

          One, two, three, four - fertig

          Um so schöner, um so wunderbarer, um so grandioser ist es da, jetzt, dreißig Jahre danach, dreißig Jahre nach dem Erscheinen von „Never Mind the Bollocks“ im Oktober 1977, all die alten Fotos zu sehen und die Platten zu hören. Seltsam, daß Virgin, die Plattenfirma der Sex Pistols, nicht geplant hat, „Never Mind the Bollocks“ wiederaufzulegen, bislang jedenfalls nicht. Dafür sind schon jetzt einige der großartigsten Platten von damals neu auf CD erschienen: Die ersten drei Alben von Ultravox zum Beispiel, allesamt zwischen 1977 und 1978 entstanden: unglaublich, wie produktiv die Band um John Foxx war, wie eiskalt melancholisch und neu ein Song wie „My Sex“ vom Debüt „Ultravox!“ immer noch klingt.

          Johnny Rotten - traurig wie der heute rumläuft

          Aber vielleicht ist Punk deshalb so unschlagbar gewesen: weil er blitzschnell zusammengezimmert wurde, one, two, three, four, fertig - aber soviel Energie und Herz und Kopf darin war, daß er hochansteckend blieb, dreißig Jahre lang und länger. Ganz nah daran, wie das Jahr 1977 geklungen haben muß, kommt man auf einem Doppelalbum von Wire, deren legendäres Debüt „Pink Flag“ von 1977 jetzt ebenfalls neu erscheint: Am 1. und 2. April 1977 spielte die Band im Londoner „Roxy“ in der Neal Street, in einem ehemaligen Schwulenclub. Kein Song war länger als zweieinhalb Minuten, die meisten dauerten nicht mal halb so lang. Auf der zweiten CD des Live-Doppelalbums spielt Wire dann im berühmten „CBGB's“ in New York, wo die Vorreiter des englischen Punks - Blondie und Television und die Ramones - groß geworden waren. Es ist ein Jahr später, Juli 1978, und Wire eine andere Band. Jetzt regiert der nüchterne Formalismus, die nervöse Koketterie des New Wave, jetzt sind die Lieder architektonischer, feinsinniger. Die Tage der Wut sind vorbei, ab jetzt bewegen sich die besten Bands immer am Rande des Nervenzusammenbruchs.

          Viel Latex, viel Fetischzeug

          Wie schnell das damals ging, wie schnell vorne ganz hinten sein konnte, das hat der englische Romancier Tony Parsons in sein neuestes Buch geschrieben, es heißt „Als wir unsterblich waren“ und ist sehr autobiographisch: die Geschichte eines blutjungen Musikmagazinschreibers, wie Tony Parsons einer war, und der Nacht im August 1977, als Elvis starb, in London aber der Punk seinem Ende entgegentobte. Ein weiches Buch ist es geworden, eine Liebesgeschichte zwischen Menschen, die Musik lieben, aber keine Chronik wie das englische Nachschlagewerk „Punk - The Whole Story“.

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