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Das Buch der Thunbergs : Die Welt schien auf sie gewartet zu haben

Von ihr und der Klimakrise sprechen nun alle: Greta Thunberg Bild: Facundo Arrizabalaga/Epa-Efe/Rex

Bevor Greta Thunberg zur Ikone der Klimabewegung wurde, hat ihre Mutter ein Buch über ihre Töchter, den Autismus und die Sorge um den Planeten geschrieben. Es ist rührselig, pathetisch und drastisch – und so muss es sein.

          Es gibt Menschen, die sagen jetzt, sie ertrügen Greta Thunbergs Gesicht nicht mehr, diese strenge Miene der Überbringerin schlechter Nachrichten, der Moralistin. Andere sagen, sie sehe nicht aus, wie eine junge Frau von sechzehn Jahren auszusehen habe, dahinter stecke Kalkül. Es gibt viele, die sie für eine Marionette halten, zunächst gelenkt von ihren Eltern, dann von globalen Interessengruppen, und ihre Umweltbewegung für heimlich orchestriert. Greta Thunberg soll sich neulich darüber gewundert haben, wie wenig Engagement aus freien Stücken Menschen einander eigentlich zutrauen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nun ist mit dem Erscheinen der Thunberg-Familiengeschichte auf Deutsch neuer Stoff verfügbar, an dem sich Skeptiker abarbeiten können. „Szenen aus dem Herzen“ heißt die Erzählung aus der Perspektive von Malena Ernman, Gretas Mutter, wobei die Namen aller Familienmitglieder, auch der von Beata, Gretas Schwester, auf dem Titel stehen. In Schweden erschien das Buch im August 2018, kurz bevor Greta mit ihrem Schulstreik für das Klima vor dem Reichstag in Stockholm begann. Es handelt also davon, was vor dem Auftreten als öffentliche Figur war, und das ist bei der Lektüre im Hinterkopf zu behalten, ebenso wie der Umstand, dass Malena Ernman, einst Teilnehmerin des Eurovision Song Contest, beim Erscheinen des Buchs das berühmteste Mitglied der Familie war.

          Sie sieht das, was andere nicht sehen wollen

          In zweiundneunzig „Szenen“ beschreibt Ernman das Leben und Leiden ihrer Familie: Wie sie als Opernsängerin entschied, das Jetsetdasein zwischen Berlin, Wien, Amsterdam und Barcelona aufzugeben, wie sich ihr Alltag veränderte, als die Tochter Angstattacken bekam, nichts mehr aß und mit niemandem sprach, weil sie in der Schule gemobbt wurde, sich in ihrem Leben nicht wohl fühlte. Bis zur Diagnose: Asperger, hochfunktionaler Autismus, Zwangsstörungen.

          Es gibt wieder mehr gute Momente: Beata und Malena Ernman, Greta und Svante Thunberg

          Das ist die eine Seite: Die Erkenntnis der Familie, dass der Autismus eine sehr zeitgemäße Krankheit ist, dass der Sozialstaat an seine Grenzen kommt, sobald jemand ein derart komplexes Krankheitsbild aufweist, weil in der Kinderpsychiatrie nur Zeit zum Löschen der Großbrände ist und das Schulsystem vorsieht, dass jeder Schüler auf dieselbe Weise funktioniert. Malena Ernman beschreibt den Kontrollverlust einer Familie, die es bei der Erziehung mit Grenzen versucht und dann feststellt, dass diese bei ihren Töchtern wirkungslos sind. Bei der jüngeren, vernachlässigten Schwester Beata werden schließlich ADHS und autistische Verhaltensmerkmale diagnostiziert.

          Die andere Seite, das ist die Entwicklung Gretas von dem Moment an, als sie in der Schule einen Film über die Verschmutzung der Weltmeere sieht. Während ihre Schulkameraden schnell wieder von iPhones und Fernreisen schwärmen, sieht sie das, was andere nicht sehen wollen: Inseln aus Plastikmüll, Treibhausgase, die aus Schornsteinen strömen, eine gigantische Müllhalde in der Atmosphäre. Sie liest, dass Schwedens ökologischer Fußabdruck zu den zehn größten der Welt zählt und reiche Länder wie ihres den CO2-Ausstoß auf der Stelle um zehn bis fünfzehn Prozent pro Jahr verringern müssten, um das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens zu erfüllen. Sie weigert sich zu fliegen, und die Familie, so beschreibt es Malena Ernman, die noch wenige Jahre zuvor Selfies aus Japan ins Netz stellte, lernt von ihr.

          Malena Ernman schreibt, die ganze Familie hätte gemeinsam an „Szenen aus dem Herzen“ gearbeitet.

          Natürlich hängt alles zusammen, denn weil Greta Thunberg sich bewusst wird, dass sich die Krise nicht an einem weit entfernten Ort abspielt, sondern „am Frühstückstisch, in Schulfluren, auf den Straßen“, bringt sie keinen Bissen mehr herunter. Die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Kindern, schreibt Ernman, sei in Schweden im letzten Jahrzehnt drastisch gestiegen. Aber: „Am Rand der Gesellschaft gibt es keine ökonomischen Interessen. Dort gibt es keine Lobbygruppen. Dort, zwischen den unsichtbaren Kindern und den unsichtbaren Familien, gibt es kaum jemanden, der Energie zum Reden hat.“

          Deprimierend abstrakt

          Das ist vermutlich so und schlimm genug. Nur liegt ein Problem des Buchs in dieser Erzählform: „Ich bin meinen eigenen Weg gegangen. Immer gegen den Strom und fast immer allein“, schreibt Malena Ernman zu Beginn und setzt damit den Ton, der kompromisslos alles verdammt, was nicht den radikalen Maßstäben der geläuterten Familie entspricht. Hier schreibt eine Mutter, die viel durchgemacht hat, und in ihr Schreiben fließt auch die Begeisterung über ihre Tochter ein, die bis vor einem Jahr mit niemandem außerhalb der Familie redete und sich für ein derart großes Zeichen zivilen Ungehorsams entschied.

          Die Geschichte der Thunbergs schöpft ihre Kraft aus dem schlechten Gewissen der Leser: Es ist deprimierend abstrakt, so vom Niedergang des Planeten zu lesen, selbst wenn die vermeintlich oft gehörten Fakten in Szenen verpackt und die wichtigsten Botschaften noch so oft wiederholt werden: Wir müssen unser Leben entschleunigen. Wir müssen umdenken, kleiner, kollektiver und lokaler wirtschaften, den Kampf gegen die einflussreichen Lobbyorganisationen aufnehmen, die aktiv eine effektive Klimapolitik bekämpfen. Ein Appell mit derart vielen Imperativen erzeugt Abwehr. Greta Thunberg weiß das: „Man darf die Gefahr nicht verdrängen, weil man sie nicht verkraftet“, sagt sie und durchforstet die vier größten Tageszeitungen Schwedens nach Nachrichten über den Klimawandel. Am Ende stellt sie fest, dass Klima- und Umweltthemen nur bis zu 1,4 Prozent der Berichterstattung ausmachen. Die Menschen seien die komplexen Zusammenhänge, die nicht Woche für Woche in Talkshows verhandelt werden, nicht gewohnt.

          Um die Themen des Klimawandels auf den Tisch zu holen, braucht es eine starke Geschichte: eine Person, die sie ausfüllt und belebt. Malena Ernman konnte zu dem Zeitpunkt, als sie ihre Predigt in 92 Szenen schrieb, nicht wissen, dass ihre Tochter zu dieser Person werden würde. Sie hat sie nicht zur Prophetin stilisiert, ebenso wenig wie Greta Thunberg sich selbst. Die Öffentlichkeit war es, weil sie auf jemanden wie sie gewartet hatte. Man braucht dieses Buch nicht zu lesen, wenn man sich für Klimaschutz interessiert – obwohl es dabei hilft, Zusammenhänge zu begreifen. Man kann, jetzt erst recht, behaupten, dass Greta Thunberg fremdgesteuert wurde – obwohl es die Familiensituation nicht nahelegt und Autisten nicht zur Verstellung neigen. Aber selbst wenn: An einem Morgen im August saß Thunberg auf dem Platz vor dem Parlament und begann zu demonstrieren, und nun spricht die halbe Welt über die Klimakrise. Das ist gut, denn am Ende geht es nicht um sie, sondern die Zukunft des Planeten. Das unpathetisch auszudrücken, ist gar nicht so einfach.

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