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Das Buch der Thunbergs : Die Welt schien auf sie gewartet zu haben

Malena Ernman schreibt, die ganze Familie hätte gemeinsam an „Szenen aus dem Herzen“ gearbeitet.

Natürlich hängt alles zusammen, denn weil Greta Thunberg sich bewusst wird, dass sich die Krise nicht an einem weit entfernten Ort abspielt, sondern „am Frühstückstisch, in Schulfluren, auf den Straßen“, bringt sie keinen Bissen mehr herunter. Die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Kindern, schreibt Ernman, sei in Schweden im letzten Jahrzehnt drastisch gestiegen. Aber: „Am Rand der Gesellschaft gibt es keine ökonomischen Interessen. Dort gibt es keine Lobbygruppen. Dort, zwischen den unsichtbaren Kindern und den unsichtbaren Familien, gibt es kaum jemanden, der Energie zum Reden hat.“

Deprimierend abstrakt

Das ist vermutlich so und schlimm genug. Nur liegt ein Problem des Buchs in dieser Erzählform: „Ich bin meinen eigenen Weg gegangen. Immer gegen den Strom und fast immer allein“, schreibt Malena Ernman zu Beginn und setzt damit den Ton, der kompromisslos alles verdammt, was nicht den radikalen Maßstäben der geläuterten Familie entspricht. Hier schreibt eine Mutter, die viel durchgemacht hat, und in ihr Schreiben fließt auch die Begeisterung über ihre Tochter ein, die bis vor einem Jahr mit niemandem außerhalb der Familie redete und sich für ein derart großes Zeichen zivilen Ungehorsams entschied.

Die Geschichte der Thunbergs schöpft ihre Kraft aus dem schlechten Gewissen der Leser: Es ist deprimierend abstrakt, so vom Niedergang des Planeten zu lesen, selbst wenn die vermeintlich oft gehörten Fakten in Szenen verpackt und die wichtigsten Botschaften noch so oft wiederholt werden: Wir müssen unser Leben entschleunigen. Wir müssen umdenken, kleiner, kollektiver und lokaler wirtschaften, den Kampf gegen die einflussreichen Lobbyorganisationen aufnehmen, die aktiv eine effektive Klimapolitik bekämpfen. Ein Appell mit derart vielen Imperativen erzeugt Abwehr. Greta Thunberg weiß das: „Man darf die Gefahr nicht verdrängen, weil man sie nicht verkraftet“, sagt sie und durchforstet die vier größten Tageszeitungen Schwedens nach Nachrichten über den Klimawandel. Am Ende stellt sie fest, dass Klima- und Umweltthemen nur bis zu 1,4 Prozent der Berichterstattung ausmachen. Die Menschen seien die komplexen Zusammenhänge, die nicht Woche für Woche in Talkshows verhandelt werden, nicht gewohnt.

Um die Themen des Klimawandels auf den Tisch zu holen, braucht es eine starke Geschichte: eine Person, die sie ausfüllt und belebt. Malena Ernman konnte zu dem Zeitpunkt, als sie ihre Predigt in 92 Szenen schrieb, nicht wissen, dass ihre Tochter zu dieser Person werden würde. Sie hat sie nicht zur Prophetin stilisiert, ebenso wenig wie Greta Thunberg sich selbst. Die Öffentlichkeit war es, weil sie auf jemanden wie sie gewartet hatte. Man braucht dieses Buch nicht zu lesen, wenn man sich für Klimaschutz interessiert – obwohl es dabei hilft, Zusammenhänge zu begreifen. Man kann, jetzt erst recht, behaupten, dass Greta Thunberg fremdgesteuert wurde – obwohl es die Familiensituation nicht nahelegt und Autisten nicht zur Verstellung neigen. Aber selbst wenn: An einem Morgen im August saß Thunberg auf dem Platz vor dem Parlament und begann zu demonstrieren, und nun spricht die halbe Welt über die Klimakrise. Das ist gut, denn am Ende geht es nicht um sie, sondern die Zukunft des Planeten. Das unpathetisch auszudrücken, ist gar nicht so einfach.

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