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Sylvie Weil: André und Simone : Wo Tigermütter fehlen, können auch geniale Tanten für hohe Ansprüche sorgen

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Einen einflußreichen Mathematiker als Vater, eine früh verstorbene Philosophin als Tante: Sylvie Weil weiß in ihrem Erinnerungsbuch das Leben ihrer prominenten Familie äußerst unterhaltsam und mit einem Augenzwinkern zu erzählen.

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          "Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise", zumindest die zweite Hälfte von Tolstois seltsamem Axiom trifft im Fall der Familie Weil einmal vollkommen zu. Leicht kann es deshalb nicht sein, wie Silvie Weyl ein Spross dieser Familie zu sein. Auch wenn in ihrem Fall die dominierenden Vorfahren nicht die klassischen "Eltern" sind. Das seltsame Paar besteht vielmehr aus Vater und Tante: Der Vater ist André Weil (1906 bis 1998), einer der berühmtesten Mathematiker des 20. Jahrhunderts, die Tante seine Schwester Simone Weil (1909 bis 1943), noch weitaus berühmter, obwohl die Gelehrten sich nicht einig sind, in welcher Kategorie: als Philosophin, Politikerin, Mystikerin oder, wie für General de Gaulle, einfach als Verrückte.

          Natürlich findet man in Sylvie Weils Geschichte ihrer Familie manch originelle Variante auf die klassische Situation im Schatten übergroßer Ahnen. Doch selten hat jemand sie erzählt mit einer solchen Lust an der Pointe, an der Sprache, mit einer solchen Fähigkeit, kurz und knapp das Groteske des Augenblicks zu zeichnen: Charles de Gaulle, der, seiner früher geäußerten Ansicht zum Trotz, der stolzen Gymnasiastin eine nationale Schulauszeichnung mit den Worten überreicht: "Ihre Tante habe ich sehr bewundert"; der Professor, der die angehende Doktorandin mit den Worten begrüßt: "Nun, soll es Platon sein wie bei Ihrer Tante oder Diophant wie bei Ihrem Papa?"; und jener Charmeur, der die längst erwachsene Hochschullehrerin und Schriftstellerin dazu beglückwünscht, dass sie nichts geerbt habe von der problematischen Genialität ihrer Verwandtschaft.

          Eine Pazifistin im Bürgerkrieg?

          Das alles ist wunderbar erzählt, aber darin liegt nicht einmal das Wichtigste an dieser ungewöhnlichen Familiengeschichte. Beherrscht wird die Familie Weil von den enfants terribles André und Simone; zu den weiteren Hauptpersonen des Stücks gehören die Eltern Bernard und Selma mit ihrem unerschütterlichen Glauben an die Genialität ihrer Sprösslinge, später dann auch Andrés Frau Eveline.Unangefochtener Spitzenreiter in Sachen Exzentrik ist naturgemäß Simone. Als kleines Mädchen wetteifert sie mit ihrem Bruder in Mathematik, wobei die beiden sich für Fehler Ohrfeigen applizieren, Simone aber insgeheim das drastischere Mittel des Selbstmords erwägt; später folgt all das, was längst zum Mythos geworden ist: die brillante Philosophiestudentin, die Lehrerin in der Provinz, die proletarische Agitatorin, die Fabrik-, dann Landarbeiterin, die Leiden suchende Mystikerin, die Emigrantin in Amerika und England, die vergeblich auf eine tödliche Mission bei der Résistance hofft und sich heimlich zu Tode hungert.

          Doch gleich hinter dieser einzigartigen, einsamen, keinem Kollektiv und nur dem eigenen Denken vertrauenden Simone Weil steht in jeder Minute die Familie bereit, vor allem die Mutter, auf deren Einsatz die Tochter felsenfest vertraut. Als die militante Pazifistin abreist, um im Spanischen Bürgerkrieg die Waffe zu ergreifen, da reist die Mutter, in weiser Erwägung der praktischen Lebensuntüchtigkeit ihrer Tochter, sofort in vorsichtigem Abstand hinterher und kann sie dann auch, die sich beim Kochen mit Öl verbrüht hat, lebend wieder ins heimische Paris transportieren.

          Tag um Tag abgeschrieben

          Sylvie Weil schont ihre Familie nicht, und besonders bei ihrer Tante, die von frommen Akademien heute gern als erbauliches Vorbild für "weibliche Spiritualität" missbraucht wird, fällt die Charakterskizze wenig vorbildhaft aus. Simone Weils Tod im August 1943, mit nur vierunddreißig Jahren, schildert sie als das Trauma der Familie. Ihr selbst herbeigeführter, völlig unerwarteter Tod war ein Schock, vor allem jedoch das definitive Dementi jener verschworenen Familieneinheit, für die wohl jedes Mitglied seine Hand ins Feuer gelegt hätte - bis auf Simone, die hier zum ersten Mal auf eigene Rechnung lebte und ihren Wunsch nach Selbstopfer verwirklichte. In ihren letzten Briefen gab es nur eine indirekte Andeutung, und die wiederum war für die gerade geborene Nichte Sylvie fatal, denn Simone übergab den Eltern die im September 1942 geborene Tochter ihres Bruders sozusagen als Ersatztochter, per Brief und selbstverständlich ohne Wissen von Sylvies eigenen Eltern.

          Die Großeltern nahmen das wörtlich, forderten die Herausgabe des Kindes ein, und damit beginnt das zweite Kapitel der Familiensaga. Der Kampf um die Tochter und Enkelin, der Kampf um die nachgelassenen Manuskripte, die Tag um Tag abgeschrieben wurden, die jahrelangen Zerwürfnisse, da man in zwei Wohnungen im selben Haus beim Jardin du Luxembourg wohnte, aber kein Wort miteinander sprach, das Kind auf dem Treppenabsatz dazwischen - all das ist zum Staunen. Wer die Biographie Simone Weils kennt, der hat gewiss manches davon geahnt, aber so krass, pittoresk, pathologisch und um die Wahrheit zu sagen: so unterhaltsam hätte er es dann doch nicht erwartet.

          Einzigartig unglücklich

          Man kann dieses Buch unter ganz verschiedenen Perspektiven lesen: zuerst natürlich mit Blick auf Simone Weil, dann auf die Mechanismen einer Familie, in der schon lange vor den Zeiten der Tigermütter nur das Größte, Schnellste und Genialste zählen durfte. Vor allem aber ist der Schriftstellerin Sylvie Weil eine Erzählung gelungen, die in Personenzeichnung, Erzählkraft und Sicherheit bei jeder Pointe viele Romane in den Schatten stellt - auch Sylvie Weils eigene. So sind ihre Erinnerungen auch für sie selbst ein paradoxer Erfolg: Diesen beiden, Vater und Tante, von denen sie sich hier in gewisser Weise befreit hat, verdankt sie zugleich ihr bestes Buch. Postume Rache? Gemach, möchte man sagen! Auch andere Zeitgenossen haben mit ihren Eltern nicht immer das große Los gezogen. Und der Spross einer so einzigartig unglücklichen Familie, das ist ja auch ein Trost, leidet doch auf sehr hohem Niveau.

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