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Swetlana Alexijewitsch: Secondhand-Zeit : Küchendissidenten, besiegt vom Kapitalismus

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Bild: Hanser Berlin

Meisterwerke der Zeitgeschichte: Die Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch schildert in einer atemraubenden Dokumentation das Leben auf den Trümmern des Sozialismus.

          4 Min.

          Was für Erinnerungen?“, fragt Swetlana Alexijewitschs letzte Gesprächspartnerin, eine sogenannte Normalbürgerin. Die Postbotin hatte ihr eine Botschaft überbracht. „Die Partei hat dichtgemacht.“ Nun sei alles, auch das Imperium, die Sowjetunion, verloren. Die Frau an der Gartenpforte wundert sich. „Aber was habe ich verloren? Ich lebe genau wie früher ...“ Armselig, seit Jahrzehnten nur mit dem Allernötigsten versorgt, egal, wer das Sagen hat, jetzt ist es gerade Putin. Sozialismus, Kapitalismus, alles gleich. Nur Warten auf den Frühling lohnt - eine Hoffnung, die sich zuverlässig erfüllt.

          Swetlana Alexijewitsch ist eine berühmte Schriftstellerin, nur für ihre Heimat Weißrussland gilt das nicht. Ihre Bücher, in dreißig Sprachen übersetzt, werden dort, in der letzten Enklave sowjetischer Diktatur, beschwiegen, zumindest offiziell. Ihr neues Buch über das russische Leben seit 1991, das sich gängigen Genres nicht zuordnen lässt und dessen Kapitel ohne exakte Zeitangaben auskommen, ist eine einzigartige, vielstimmige literarische Chronik des Sowjetmenschen und seiner Wiedergänger. Entfernt erinnert es an Walter Kempowskis „Echolot“, weil auch sie Menschenstimmen sammelt, die historische Zäsuren erlebten.

          Alltag einer riesigen Zwangsgemeinschaft

          Nur schafft sie daraus einen dokumentarischen Roman, dessen schöne, klare Sprache den Leser gefangennimmt für eine eigenwillige Zeitreise, die immer wieder zur Höllenfahrt in den Abgrund allgegenwärtigen Terrors gerät. Dieser Terror zieht sich durch das ganze Buch, ist nicht nur an bekannten Zeitmarken wie 1937 oder 1941 festzumachen. Als die Sowjetunion zerbricht, fällt er als schockierend brutaler Bürgerkrieg noch in entferntesten Gegenden des Riesenreiches über die Menschen her - wovon die andere Welt kaum Kenntnis nahm.

          Swetlana Alexijewitsch hat exemplarische Lebensgeschichten und Bekenntnisse zusammengefügt zu einem atemberaubenden, oft kaum erträglichen Menschenpanorama, das, grell ausgeleuchtet, einen bestürzend genauen Einblick in den Alltag dieses Zusammenbruchs einer riesigen Zwangsgemeinschaft gewährt. In ihren Gesprächen mit Zeitgenossen, Dissidenten, Studenten, Künstlern, Ingenieuren, Arbeitslosen und neuen Geschäftsleuten, mit Tätern und Opfern, ehemaligen GULag-Häftlingen und Henkern, Soldaten, Funktionären und immer wieder jenen, die noch jeden Strohhalm der Hoffnung auf bessere Zeiten ergriffen, gibt es nur den einen gemeinsamen Bezugspunkt: die Sowjetunion als Lebensverhängnis.

          Denn irrwitzigen Verhältnissen ausgeliefert

          Alexijewitsch versammelt Individuen, die zuweilen wie Gestalten der großen russischen Literatur anmuten; Mitglieder einer geschlossenen Gesellschaft, deren Erosion keine Utopie vom neuen, besseren Menschen aufhalten konnte, sosehr man sie auch immer wieder beschwor und jeden Zweifler grausam verfolgte. Nur selten liest man zwischen den Porträts knappe Kommentare der Menschensammlerin, dann teilt sie dem Leser etwa mit, dass das Gespräch an dieser Stelle eigentlich zu Ende war, sie aber gebeten wurde, zu bleiben und zuzuhören. Wohl auch, weil keiner vor ihr so fragen und zuhören konnte. Oder sie unterbricht eine Suada über den ordinären Kapitalismus postsowjetischer Prägung, die ihr Gegenüber mit Grausamkeiten der Stalin-Zeit würzt und diese „Trotz alledem eine große Zeit!“ nennt. Dann sagt sie, dass sie das nie verstehen werde, und bringt selbstgerechte Uneinsichtige aus der Fassung.

          Ihre Protagonisten sind irrwitzigen, chaotischen Verhältnissen ausgeliefert, kommen seit Jahrzehnten ohne verlässliche Rechtsnormen aus, sind gezwungen, den vom Staatsterror vergifteten, angstbesetzten Alltag zu meistern, der den meisten nicht einmal bescheidensten Wohlstand garantieren konnte und kann. Sie vertraue den Menschen zu sehr, sei zu naiv, sagt ihr immer mal wieder einer ihrer Gesprächspartner, dem ein zynisches Korsett erlaubt, jede Reflexion über erlittenes Leid, vergebliche Lebensträume, Schuld und Sühne zu unterdrücken. Aber dieses Menschenvertrauen hat ihr Türen geöffnet, die anderen verschlossen blieben. Es wird viel geweint in diesem Buch, wenn alles, was aus Scham, Angst oder Verzweiflung beschwiegen wurde, endlich von der Seele geredet ist.

          Das Sowjetreich als eine gewalttätige Irrenanstalt

          Von Grausamkeiten, im Krieg und im Lager, wird berichtet, die zu überleben man sich kaum vorzustellen vermag. Das Sowjetreich als eine gewalttätige Irrenanstalt, der zu entkommen man sich in winzigen Wohnküchen traf: zur psychotherapeutischen Sitzung, mit großer Literatur, sarkastischem Witz und viel Melancholie zelebriert. Eine Küchengesellschaft als imaginierte Wirklichkeit, die UdSSR ausgesperrt. „Die meisten waren Küchendissidenten“, schreibt Alexijewitsch. Doch die Küchenillusion zerstob, als der Kapitalismus anbrach, als man spürte, dass eigene Ideen fehlten und das wenige, wovon man bis dahin wenigstens schlecht lebte, zum Überleben nicht mehr reichte.

          Viele, denen dieser entsetzliche Staat alles war, so dass sie kein eigenes Leben mehr spürten und ersehnten, gingen unter in der neuen Zeit, die Gorbatschow mit der Perestroika einläutete. Alexijewitsch führt ihn uns als Vision vor, als verhassten Feind, als Hoffnung für alle, die nach einem anderen Leben dürsteten und es mit ihm wagen wollten. Sie spricht mit einem anonymen Kreml-Insider, dessen ungewöhnliche Analyse aus dem Inneren der Macht zu den Höhepunkten dieses Buches gehört. War Gorbatschow den einen Lichtgestalt, so verabscheuten ihn die Generäle - was auf Gegenseitigkeit beruhte.

          Die Sowjetunion, sagt der Insider, sei so, wie Stalin sie schuf, von unten unzerstörbar gewesen. Doch sie wurde von oben zerstört. Die Amerikaner drohten mit „Krieg der Sterne“. „Aber unser Befehlshaber redete plötzlich wie ein buddhistischer Mönch.“ Normale Leute fürchteten ihn nicht, hatten Tränen in den Augen, wenn sie ihn sahen, und waren oft froh, endlich von einem Mann regiert zu werden, für den man sich nicht schämen musste vor der Welt. Es scheint, als sei das alles vergessen. Aber Erinnerung geht eigene Wege. Sie seien, sagen viele, damals nur zu schnell wieder nach Hause gegangen: „Den freien Atem jener Tage werde ich nie vergessen.“

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