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Walker Evans’ Fotografien : Wie die Gegenwart als Vergangenheit aussehen wird

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Welche Geschichte könnte dazu denn passen? Walker Evans’ „Maultiergespann und Plakat, Alabama“ von 1936 Bild: Walker Evans / Schirmer/Mosel Verlag

Ein alltägliches Amerika im Moment seines Verschwindens: Svetlana Alpers macht sich auf überzeugende Weise an die Lektüre der Fotografien von Walker Evans.

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          Ein Kreis scheint sich zu schließen. Die amerikanische Kunsthistorikerin Svetlana Alpers, die Anfang der achtziger Jahre in ihrem Buch „Kunst als Beschreibung“ die holländische Malerei des siebzehnten Jahrhunderts als eine Art Vorläufer der Fotografie beschrieben hat, wendet sich nun Walker Evans zu, dessen Werk peu à peu zum visuellen Gedächtnis Amerikas des zwanzigsten Jahrhunderts wird. Der deutsche Kunsthistoriker und Kenner der Fotografie Wolfgang Kemp, der für Alpers’ Buch seinerzeit ein Vorwort schrieb, hat nun die Übersetzung übernommen und ein Nachwort verfasst. Einiges von dem, was Alpers in der holländischen Malerei als charakteristisch ausmachte und wodurch sie diese von der italienischen Tradition schied, taucht nun abermals auf, so etwa das Fläche-Werden der Welt, die Vielgestaltigkeit der Ansichten und nicht zuletzt das Auge als Sammler.

          Eine der programmatischen Entdeckungen von „Kunst als Beschreibung“ war eine Bildform, die sich gegen die normativen Vorgaben der italienischen Kunst wandte und das Bild als etwas entdeckte, das „an die Stelle des Auges tritt und dadurch den Rahmen und unseren Standpunkt unbestimmt lässt“. Es sind Bilder, die der Welt den Vortritt lassen.

          Unpersönliche Präsenz

          Wenn nun Alpers fasziniert zu erkunden sucht, worin Walker Evans’ besondere, ja für sie einzigartige Fähigkeit besteht, „ein Auge zu haben“, dann hat das erneut etwas mit einem Blick zu tun, welcher der Welt den Vortritt lässt. Voraussetzung hierfür ist, dass der Fotograf den fotografischen Akt als einen des Verschwindens des Künstlers begreift. „Beobachte mich, ich werde jetzt verschwinden“, rief Walker Evans einmal einer Freundin zu und brachte damit ein Grundprinzip seiner Haltung als Fotograf auf eine pointierte Formel. Alpers ist von ihr so angetan, dass sie diese gleich fünfmal in ihrem Buch zitiert – nicht aus Nachlässigkeit, sondern als Leitmotiv.

          Svetlana Alpers: „Walker Evans“. America. Leben und Kunst.
          Svetlana Alpers: „Walker Evans“. America. Leben und Kunst. : Bild: Schirmer/Mosel Verlag

          Eine zweite, von Alpers sogar noch einmal mehr zitierte Bemerkung von Evans, der über sich selbst in der dritten Person schreibt, variiert und präzisiert die erste: „Evans war und ist an dem Augenblick interessiert, den jegliche Gegenwart als Vergangenheit bieten wird.“ Man kann ihr Buch als eine Art Ausbuchstabieren dieser doppelten Selbstbeschreibung des Fotografen lesen. Evans hat gerade dadurch ein Auge, dass er in seinen Bildern nur als unpersönliche Präsenz in Erscheinung tritt. „Mit Distanziertheit bewaffnet“, nimmt er die Welt auf und wird von seinen Gegenständen mehr gewählt, als dass er sie auswählen würde. Sein Sehen und seine Welt hatten sich in eine Bildebene zu verwandeln. Dafür nutzte er auch, wie Alpers überzeugend ausführt, die technischen Möglichkeiten der Kamera. Mit seinem 8×10-Blick schaut er auf die Welt – und verschwindet in ihr wie der chinesische Maler in der berühmten Legende.

          Mit der Welt nicht fertig und gerade dadurch mit ihr verbunden

          In einem ersten langen Kapitel rekonstruiert Alpers Flaubert, Baudelaire und Atget als Evans’ französische Ahnen. Alle drei sind auf unterschiedliche Weise Wahlverwandte: Flaubert durch den berühmten „style indirect libre“, die freie indirekte Rede, die den Erzähler zugunsten eines Präsentierens des Erzählten zurücktreten lässt, Baudelaire durch sein zerstreutes Hinschauen, das unsichtbare Beobachten, und Atget schließlich durch seine besondere Art des Fotografierens. Dass es gerade zwei Schriftsteller sind, deren Stimmen den Resonanzraum seines Fotografierens bilden, kommt nicht von ungefähr, macht Alpers doch bei Evans den Anspruch, literarisch zu sein, als Grundzug seiner Arbeiten aus. Sie folgt dabei Clement Greenbergs Aufruf: „Lasst Fotografie literarisch sein.“

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