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Svenja Flaßpöhler: „Wir Genussarbeiter“ : Aufflammende Lust inmitten von Bibliotheksregalen

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Bild: Verlag

Wo sich Laienpsychologie und Körpersäfte, Marxismus und Glücksversprechen mischen: Svenja Flaßpöhler sucht das richtige Maß, den Zwängen der Leistungsgesellschaft zu entkommen.

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          Was die Philosophin und stellvertretende Chefredakteurin des Magazins "Philosophie" Svenja Flaßpöhler in Buchform vorlegt, ist Etikettenschwindel, Sympton einer Krise. Denn von Anfang bis Ende wird hier wieder nur über die schrecklichen Auswirkungen der Arbeit geklagt, unkritisch nachgebetet, dass "wir in einem Burn-out-Zeitalter leben" und was als Ergebnis herauskommt ist, dass man auch mal etwas sein lassen soll. Mit ein bisschen Freud, Marx und einer Dosis Hirnforschung gibt jemand vor, die Welt zu erklären durch eine Hinter-Welt, die nur dem Eingeweihten zugänglich ist. Der gravitätische Ton und die Humorlosigkeit, mit denen das vorgetragen wird, verfehlen nicht ihre Wirkung.

          Da wird begierig aufgesogen, dass Triebverzicht nach Freud darauf zurückzuführen sei, dass unsere männlichen Vorfahren in einer Art homosexuellen Aktes das phallisch aufragende Feuer auspinkelten. Dass solche unfreiwillig komischen Deutungen heute wissenschaftlich, vorsichtig gesagt, als überholt gelten, hindert die Autorin nicht daran, sich vor lauter Begeisterung diese Pinkelgeschichte am liebsten über den Schreibtisch zu hängen. Und so geht es weiter, wenn Bettnässen nichts anderes als das Selbstherstellen mangelnder Mutterwärme sein soll und bei einer Frau "die öffentliche Zurschaustellung ihrer geistigen Fähigkeiten (. . .) bedeutete, dass sie sich selbst als im Besitz des Penis ihres Vaters zur Schau stellte". Da wird umstandslos eine frauenfeindliche Ikonographie des neunzehnten Jahrhunderts in eine Zeitdiagnose des einundzwanzigsten Jahrhunderts umgetitelt.

          Viele laienpsychologische Erklärungen

          Richtig lustig wird es, wenn angeblich das Über-Ich zum Genießen zwingt und die Arbeitsleidenschaft nur durch Triebverzicht zu erklären sein soll. Wie ist dann das Phänomen Dominique Strauss-Kahn zu erklären, dessen Arbeitsleidenschaft keinesfalls mit Triebverzicht einherging? Doch solche mystisch klingenden psychoanalytischen Deutungen beschwichtigen offenbar die allgemeine Ratlosigkeit. Wie verzweifelt muss diese Ratlosigkeit sein, wenn man sich dazu hinreißen lässt, zu behaupten, "dass die Studierzelle nicht asketischer ist als ein Schlafzimmer. Oder ein Bordell. Denn all diese Orte haben gemeinsam, dass es in ihnen um die Produktion von Lust geht: Hier sollen Körpersäfte fließen, dort Gedanken hervorsprudeln."

          Sehr beliebt ist heute die Laienpsychologie, mit der man scheinbar alles erklären und vor allem Betroffenheit erzeugen kann. Nur leider stimmt dann meistens das meiste nicht. Dass "Aktivismus häufig nichts anderes als ein verzweifelter Kampf gegen die Depression" ist, klingt gut, kann in Wirklichkeit aber nur jemand behaupten, der noch nie eine schwere Depression erlebt hat. Mit den Begriffen "Arbeitssucht" und "Sportsucht" wird dann versucht, möglichst breite Bevölkerungskreise den psychisch Kranken zuzurechnen, und wenn es dramatisch heißt, neun Prozent der Deutschen seien "kaufsüchtig", dann wäre das Weihnachtsgeschäft ein einziger Horrortrip und man könnte weite Teile Deutschlands zu psychiatrischen Freilandversuchen erklären. In Wirklichkeit würden solche Zahlen natürlich die völlige Auflösung des Suchtbegriffs bedeuten.

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