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Buch über Schleim : Nicht viel mehr als steifes Wasser

  • -Aktualisiert am

Die Gestreifte Weinbergschnecke schiebt sich im Raupenmodus voran, um Energie zu sparen – schneller wird sie so auf ihrer charakteristischen Schleimspur jedoch nicht. Bild: Mauritius

Von Protoplasmen, Hydrogelen und Mucilagen: In ihrem Buch würdigt Susanne Wedlich den Schleim in all seinen Erscheinungsformen.

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          In den vergangenen Jahren hat es sich bewährt, unappetitliche Aspekte des Lebens und kaum beachtete Akteure der Natur auf dem Buchmarkt zu würdigen. Monographien über unser Verdauungssystem sind mittlerweile ein genauso fester Bestandteil von Verlagsprogrammen wie Werke über Insekten. Deren Autoren weiten ihren Kompetenzbereich mitunter dramatisch aus, so dass natur- und geisteswissenschaftliche Einordnungen direkt nebeneinander auftauchen. Wer heute über Flora und Fauna schreibt, kann sich dabei auch auf der kulturhistorischen Spielwiese austoben – Expertise hin oder her.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Die 1971 geborene Biologin Susanne Wedlich hat mit dem „Buch vom Schleim“ eine Abhandlung vorgelegt, die nicht als Gesamtschau taugt, aber einzelne Facetten des Gegenstands miteinander verknüpft. Sie widmet sich der Beschaffenheit von Protoplasma, popkulturellen Erscheinungsformen verschiedener Hydrogele, dem glibberigen Treiben unter Wasser und der Bedeutung glitschiger Substanzen für die Evolutionsgeschichte. Die Intuition, das Thema könnte ein wenig ausschnitthaft, ja beliebig sein, verflüchtigt sich während der Lektüre: Schleim ist so allgegenwärtig wie nützlich, im Verbund mit Mikroben dominierte er das Leben auf der Erde über mehrere Milliarden Jahre, er dient Tieren als Kleber oder Gleitmittel, und unser Organismus würde ohne ihn in kurzer Zeit von Erregern überrannt. Dennoch ist er „ein Erbe, das wir Menschen gern ignorieren“.

          Schleim als Existenzgrundlage

          Das war lange Zeit anders. Den alten Ägyptern galt Schleim als vitalisierend, und die aristotelische, weit in die Neuzeit getragene Vorstellung, Schwalben würden im Schlamm von Gewässern überwintern, spielte Ernst Haeckel mit seiner Theorie vom Urschleim in die Hände. Der 1834 geborene Zoologe vermutete, die Entwicklung der Arten sei von einer mikrobiellen Gallertmasse am Grund der Ozeane ausgegangen. Das jedoch konnte 1876 widerlegt werden, als die Mannschaft des Forschungsschiffs HMS Challenger eine Bodenprobe aus dem Atlantik an Bord holte und kein waberndes Gel, sondern normales Meerwasser fand. Beides auseinanderzuhalten, bereitet keine Schwierigkeiten; genau zu definieren, was Schleim eigentlich ist, gestaltet sich allerdings nicht so einfach.

          Susanne Wedlich: „Das Buch vom Schleim“.

          Ein prototypischer Schleim existiert ebenso wenig wie ein alltagstaugliches und zugleich differenziertes Vokabular zu diesem besonderen Material. Je nach Herkunft und Funktion sprechen Fachleute etwa von Biofilm, Glykokalyx oder Mucilage, während es der Laie beim negativ besetzten Ausdruck „Schleim“ belässt. Dessen Wassergehalt kann bis zu neunundneunzig Prozent betragen, wobei langkettige Moleküle ein dreidimensionales Netzwerk formen. Daher sagt der Mikrobiologe Hans-Curt Flemming, Schleim sei „eigentlich nicht mehr als steifes Wasser“. Vor allem für wirbellose Tiere, die Schätzungen zufolge siebenundneunzig Prozent aller Arten ausmachen, bildet Schleim die Existenzgrundlage. Verteidigung und Fortpflanzung, Ernährung und Kommunikation – all dies läuft mit Hilfe von Hydrogelen.

          Angriffslustiges Abwehrbataillon

          Nicht zu vergessen die Bewegung. Bei Schnecken ist sie der reinste Energiefresser. Ihr Gleitmittel klebt so stark, dass sich die Tiere nur schwer vom Schleim und der Schleim nur schwer vom Boden lösen können. Einen raffinierten „Gang“ haben Gefleckte Weinbergschnecken entwickelt. Sie schonen ihre Bilanz, indem sie den Fuß wölben und sich im Raupenmodus vorarbeiten. Deswegen hinterlassen sie einzelne Schleimpunkte und keine durchgehende Spur.

          Häufig kommt Schleim an jenen Schnittstellen eines Organismus vor, die mit der Außenwelt in Verbindung stehen. Bei uns sind das unter anderem Mund und Nase. Schritt für Schritt erklärt Wedlich, auf was für ein angriffslustiges Abwehrbataillon Mikroben dort stoßen, und welche bislang unterschätzte Rolle die extrazelluläre Matrix spielt. Dieses Gewebe hält uns gewissermaßen zusammen, indem es Zellen miteinander verbindet. Zena Werb, Spezialistin für Zytologie, sagt: „Viele Leiden, wahrscheinlich sogar die meisten Leiden, sind Krankheiten der extrazellulären Matrix.“ So müssen sich Tumorzellen, die im Körper wandern, in ein fremdes Matrixmilieu einschleusen, um Absiedlungen bilden zu können. Die Biomedizin versucht, diesen Vorgang besser zu verstehen, da Metastasen viel mehr Tote fordern als das Primärgeschwulst.

          Der Thrill liegt im Tabu

          Sobald Wedlich ihr vertrautes Terrain verlässt, leidet die sonst fein gewebte Textur der Argumentation. Der kulturhistorische Teil etwa gleicht einer ungeordneten Motivgeschichte: „Ghostbusters“ und „Alien“, H. P. Lovecraft und Charlotte Roche, das Andere und der Abscheu. Auf engem Raum hakt die Autorin ab, anstatt mit theoretischer Verstärkung zu deuten. Leerstellen fallen daher besonders auf. So ist beispielsweise kaum einsichtig, warum Winfried Menninghaus’ grundlegende Untersuchung über den Ekel in dem mehr als zwanzig Seiten langen Literaturverzeichnis fehlt. Einen Kontrast zur Souveränität der naturwissenschaftlichen Kapitel bilden auch assoziativ-metaphorische Scheinargumente im Abschnitt über die Popkultur: „Der Erste Weltkrieg setzte den protoplasmatischen Höhenflügen allerdings ein Ende, hier herrschte in den Schützengräben und auf Gewaltmärschen durch Schlamm und Schleim eine Welt der harten Männer im selbstgeschmiedeten Panzer, in der nichts Weiches, Weibliches oder Nachgiebiges einen Platz hatte.“

          In Kinderzimmern ist Nachgiebiges hingeben wohlgelitten, denn die Spielzeugindustrie hat den Schleim gerade wieder für sich und eine junge Zielgruppe entdeckt. Wedlich zufolge geht es den Heranwachsenden um die „Abgrenzung von den Großen“, der Thrill liege im Tabu. Was zur Analyse hätte werden können, bleibt hier allein Behauptung. Dass die Autorin dabei in den trüben Gewässern der Hobbypsychologie fischt, ist schade, denn über weite Strecken bietet ihr Buch eine anregende Lektüre.

          Susanne Wedlich: „Das Buch vom Schleim“. Illustrationen von Michael Rosenlehner. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019. 287 S., geb., 34,– Euro.

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