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Susanne Müller: Die Welt des Baedeker : Warum ist es am Rhein so schön?

Bild: Verlag

Sehenswürdigkeiten abtraben mit Baedeker: Eine sehr anregende Kulturgeschichte des Reiseführers erzählt von Bedingungen unserer touristischen Existenz.

          4 Min.

          In Essen, das zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts kaum mehr als 5000 Einwohner hatte, kommt kurz nach der Jahrhundertwende Karl Baedeker als Sohn eines Buchhändlers und Zeitungsherausgebers zur Welt. Er studiert ein wenig, lernt bei Mohr & Winter in Heidelberg sowie beim Berliner Verleger der Romantiker, Reimer, und lässt sich schließlich, weil ihm Essen zu provinziell ist, 1827 in Koblenz als Verlagsbuchhändler nieder. Die Stadt ist damals ein Knotenpunkt des beginnenden bürgerlichen Tourismus, der es mit dem Rhein mindestens so hatte wie die Romantiker. Im selben Jahr wird der regelmäßige Schiffsverkehr zwischen Köln und Mainz eröffnet.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Es war die Zeit der Naturbesichtigung. Man schaute an Kirchtürmen nicht mehr empor, sondern bestieg sie, um Ausblicke zu gewinnen. Der erste reinen Aussichtszwecken dienende Turm war 1772 im Odenwald auf dem Melibocus errichtet worden. In Immanuel Kants Ästhetik wurde nicht einmal zwanzig Jahre später das Erhabene als Reflex unserer Fähigkeit bestimmt, Dinge, die uns bedrohen - beispielsweise Wasserfälle, Wälder, Stromschnellen, Gletscher - ohne wirkliche Furcht zu genießen. Selbstverständlich bedrohte das alles höchstens dann, wenn man eigens zur Gefahr hinreiste. Doch eben dies, das freiwillige Spiel mit der Unlust, etablierte sich nach 1800 als Vergnügen weiterer Kreise. Die Romantik sang mehr als ein schauriges Lied davon, für den Tourismus bildete es die Geschäftsgrundlage.

          Frankreich mag er nicht

          Karl Baedeker ergriff die Chance, die darin lag, dass die „Schnelltouristen“, wie sie damals genannt wurden, weil sie sich weniger Zeit nahmen als die Adligen auf ihren „Grand Tours“ durch halb Europa, gerade deshalb nicht völlig unvorbereitet aufs Außerordentliche sein wollten. Der Tourist kennt die Sprache der Bereisten nicht - also braucht er Wörterbücher. Wem soll er trauen? Also braucht er Tipps. Wo genau ist überhaupt das Sehenswerte? Die Einheimischen helfen einem da nicht, denn sie wollen ja in erster Linie Geschäfte machen und womöglich sogar die eigentlichen Sensationen gar nicht herzeigen.

          1832 kauft Baedeker die Rechte an Johann August Kleins „Rheinreise von Mainz bis Köln“, und ein Unternehmen, dessen Name heute noch gilt, begann. Die Potsdamer Historikerin Susanne Müller hat mehr als seine Chronik geschrieben. Wenn sie ihre Geschichte des Reiseführers eine „Medienkulturgeschichte“ nennt, dann klingt das anstrengend, und die ersten zwanzig Seiten, denen man die Dissertation noch anmerkt, die der Text ist, kann der am Tourismus interessierte Leser ohne Verlust schnelltouristisch hinter sich bringen. „Medienkultur“ ist aber in ihrem Buch ganz pragmatisch gemeint: Das Buch will zeigen, in wie vielfältigen Nutzungszusammenhängen die Reiseführer standen und wie sie sich mit dem Tourismus und er mit ihnen entwickelt haben.

          Um 1840 nimmt das von Lektüre begleitetete Reisen Fahrt auf, was damals hieß: Man kann mehr als tausend Exemplare der Reiseführer verkaufen. Baedeker druckt Handbücher für Belgien, Holland, Österreich und die Schweiz. Er legt Stadtpläne bei, unterscheidet ab 1846 Dampfschiff- und Eisenbahnreisen. Nur Frankreich mag er nicht, „Paris und Umgebungen“ verfasst er 1855 nur widerwillig, trotzdem wird es ein großer Erfolg.

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