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: Sumo ringt um olympische Akzeptanz

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"Lasst dicke Männer um mich sein!", heißt es in Shakespeares Schauspiel "Julius Caesar". In der Tat sind berühmte Sumo-Ringer konträr zum westlichen Bild des Modellathleten und Männlichkeitsideal in Japan begehrte Heiratskandidaten. Doch auch im Westen findet die Kulturtechnik des Sumo-Ringens zunehmend ...

          "Lasst dicke Männer um mich sein!", heißt es in Shakespeares Schauspiel "Julius Caesar". In der Tat sind berühmte Sumo-Ringer konträr zum westlichen Bild des Modellathleten und Männlichkeitsideal in Japan begehrte Heiratskandidaten. Doch auch im Westen findet die Kulturtechnik des Sumo-Ringens zunehmend Anhänger, wie eine Studie zur Internationalisierung des Sports belegt. Das ändert nichts daran, dass Sumo hierzulande nach wie vor Exoten-Status hat.

          Nachwuchsprobleme in Japan (unsere Abbildung) und geringe Verdienstmöglichkeiten der Sportler in Ländern mit verwandten Zweikampfarten beschleunigten seit den achtziger Jahren die Öffnung der einst geschlossenen Sumo-Gesellschaft für Ausländer. Historisch hat sich Sumo aus religiösem Kult über die Unterhaltung des Kaiserhofs und der Militärkaste zur heutigen Form entwickelt. In der tradierten Aufführungspraxis sind denn auch nahezu alle Schritte, Kunstgriffe und Kampfhandlungen wie etwa die Rituale der Ringbesteigung oder des Salzwerfens mit metaphysischer Bedeutung aufgeladen.

          Ausführlich geht das Buch auf den Sumo-Verband Deutschland ein, der eine Aufnahme in den Deutschen Sportbund anstrebt. Geschildert wird die hiesige Historie internationaler, nationaler und regionaler Meisterschaften. Bezeichnend sind die kulturellen Verfremdungseffekte des Sports, so etwa die Laser-Shows bei den "German Open" der neunziger Jahre. Die vielbeachtete erste Weltmeisterschaft außerhalb Japans fand 1999 in der "Sumostadt" Riesa statt. Das Buch berichtet von der Improvisationskunst der Hotellerie ob ihrer schwergewichtigen Gäste. So wurden von den Betten die Beine abgeschraubt oder Kastenmatratzen auf dem Boden ausgelegt.

          Licht fällt auf die Debatten um Anerkennung des Sumo als olympische Disziplin. Während japanische Funktionäre um die Reinheit der Kampfkunst bangen, äußerte der IOC-Präsident Jacques Rogge die nicht unbegründete Sorge, Sumo als Sport für Dicke gefährde die Gesundheit der Athleten. Jedoch sprechen die Publikumswirksamkeit, das einfache Regelwerk und der Fairplay-Gedanke, der sich nicht zuletzt in rituellen Verbeugungen ausdrückt, für eine Annäherung an olympische Träume.

          Interviews mit in Japan tätigen ausländischen Ringern berichten von Drill, Anpassungsproblemen an die Hierarchieränge und kalorienreiche Küche. Man erhält Einblicke in eine hermetisch durchorganisierte Lebenswelt - zu ihr gehört ein vielfältiges Personal, angefangen bei den Ausrufern über die Betreuer bis hin zu den Friseuren, die den traditionellen Haarknoten fertigen. Dabei werden die Ringställe (heya) als Miniaturen der japanischen Gesellschaft beschrieben. Ein Glossar sowie ein Originalrezept des "Chankonabe" genannten Eintopfes aus Rind- und Hühnerfleisch, Tofu und Gemüse, der die Grundnahrung der Sumo-Kämpfer bildet, ergänzen Sabine Adolphs anschauliche Studie über einen massigen Sport, der noch kein Massensport ist.

          STEFFEN GNAM

          Sabine Adolph: "Sumo". Internationalisierung des japanischen Sports. Lit Verlag, Münster 2006. 408 S., br., 29,90 [Euro].

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