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Sudhir Kakar: Die Seele der Anderen : Denken jenseits der Arroganz des Westens

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Bild: Verlag

Der einzige Intellektuelle Indiens von Weltgeltung: Sudhir Kakar hat mit seiner Autobiographie eine Kulturmorphologie vorgelegt, wie sie lebendiger nicht sein könnte.

          Sudir Kakars Leben ist ungewöhnlich. Er ließ eine in alte Traditionen eingebettete indische Kindheit und Jugend hinter sich, um nach Studien- und Lehraufenthalten in Europa und Amerika den Beruf des Psychoanalytikers zu wählen, einen Beruf also, der modern-westlicher nicht sein könnte. Dennoch blieben die indischen Wurzeln stets integrativer Teil seines Selbstverständnisses. In seiner Autobiographie hat er diese Verbindung, ihre Komplexität und ihre Brüche, immer im Blick.

          Im Jahr 1938 im nordindischen Panjab in die obere Mittelschicht hineingeboren, hatte Sudhir Kakar eine behütete und privilegierte Kindheit und Jugend. Der Vater, ein hoher Staatsbeamter, und die Mutter erwarteten, dass sich der begabte Sohn ihren Vorstellungen und Ansprüchen entsprechend entscheiden würde. Auch er sollte Beamter werden, auch er ein Studium wählen, das darauf vorbereitete. Er wurde Ingenieur, dann studierte er Betriebswirtschaft und erkannte erst durch die Begegnung mit dem Psychoanalytiker Erik Erikson in Neu-Delhi - als dieser dort über Mahatma Gandhi forschte - seine Berufung.

          Ausgedehnte Selbstanalyse

          Kakar studierte daraufhin Psychoanalyse am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt und wurde einer der ersten Psychoanalytiker Indiens. Inzwischen hat er seine Praxis in Neu-Delhi aufgegeben und lebt mit seiner zweiten - deutschen - Frau in Goa. Dort geht Kakar seiner zweiten Berufung nach: dem Schreiben. Weltweit bekannt wurde er durch seine Studie „Kindheit und Gesellschaft in Indien“, die zum ersten Mal untersucht, welche Wirkung Mythos und Familienhierarchie auf das psychische Verhalten der Inder haben.

          Kakar beschäftigte sich auch mit den Beziehungen zwischen Sexualität und Spiritualität. Drei große indische Gestalten, die Eros und Religion in verschiedenen Formen verknüpfen, hat er beschrieben: Vatsyayana, den Autor des „Kamasutra“, M. K. Gandhi und Shri Ramakrishna. Und nicht auf akademische Weise, sondern in der Form von Romanen.

          Kakars Autobiographie liest sich wie eine ausgedehnte Selbstanalyse. Getreu dem psychoanalytischen Ethos verschweigt er weder Verfehlungen noch Peinlichkeiten, moralisiert aber nie. Der illusionslose und dennoch sympathisierende Blick des Psychoanalytikers bewahrt die Darstellung vor rigiden Urteilen und kategorischen Feststellungen.

          Erzähler und Wissenschaftler

          Das Raster, das Kakar aufspannt, definiert die kulturspezifischen Reibungsflächen und Verflechtungen, die entstehen, wenn indisches und europäisch-nordamerikanisches Kulturerbe einander begegnen. Es geht auch darum, „dass die traditionelle indische Vorstellung der Person, die offen, porös und mit allem Existierenden verbunden ist, ein unverrückbares Erbe der Menschheit darstellt, das erhalten und verteidigt werden muss gegen diejenigen, die die Existenz eines anderen Persönlichkeitsmodells nicht dulden wollen“.

          Was den Autor antrieb, beschreibt Kakar als eine „lebenslange Suche nach den Ursprüngen der indischen Identität im Vergleich oder Kontrast zur Identitätsentwicklung der westlichen Gesellschaften“. So entsteht eine indisch-westliche Kulturmorphologie, wie sie lebendiger, unorthodoxer und aufregender nicht sein könnte. Man spürt in ihr den Erzähler, den Romancier. Die Romane leiden manchmal unter dem ordnend-nüchternen Blick des Psychiaters. In dieser Autobiographie jedoch verbinden sich Erzähler und Wissenschaftler aufs glücklichste.

          Gestörter Lesegenuss

          Sudhir Kakar ist der einzige indische Intellektuelle von Weltgeltung, der fließend Deutsch spricht und die deutsche intellektuelle Situation genau kennt. Man muss ihn ernst nehmen, wenn er vor westlicher Arroganz warnt und zeigt, was uns Indien jenseits eines abgegriffenen Romantizismus als gesellschaftliches und individuelles Korrektiv geben kann.

          Bedauerlich ist, dass das Lektorat nicht die angemessene Sorgfalt aufwandte. Die Nachweise in den Endnoten gehen durcheinander, ebenso die Buchtitel im Text. Diese und andere Ungereimtheiten mindern nicht den Wert des Buches, doch sie stören den Lesegenuss.

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