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Streitschrift von Jaron Lanier : Löscht eure Social-Media-Accounts!

In seinem neuen Buch geht Jaron Lanier mit Facebook, Google und Co hart ins Gericht. Bild: Picture-Alliance

Die verdeckte Manipulation in sozialen Medien wie Facebook und Google ist ein perverses Geschäftsmodell, findet Jaron Lanier. In seinem neuen Buch fordert er zur Löschung sämtlicher „Nieten“-Accounts auf.

          4 Min.

          Um ein Haar wäre Jaron Lanier mit seinem heute erscheinenden Buch eine publizistische Punktlandung geglückt. Wären seine „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ nur drei Monate früher erschienen, eine besonders umfassende Aufmerksamkeit wäre ihnen im jüngsten Facebook-Datenskandal gewiss gewesen.

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          Es wären nach Lektüre des Buches möglicherweise nicht nur diejenigen von dem sozialen Netzwerk abgesprungen, die ihre Beteiligung im Grunde schon lange nicht mehr vertretbar fanden, sondern möglicherweise auch viele derer, die seine größten Opfer sind. Obwohl das Unternehmen oft genug bewiesen hat, dass es die Privatsphäre seiner Nutzer an unterschiedlichste Anzeigenkunden zu verhökern bereit ist, gibt es immer noch viele Netzwerker, die eine Art Dankbarkeit für fesselnde interaktive Stunden vor der Facebook-Maske empfinden. Damit machen sie es dem Unternehmen leicht, sich immer wieder seiner Verantwortung für gesellschaftliche Prozesse zu entziehen, auf die es, und sei es nur aus Nachlässigkeit, kaum bestreitbar Einfluss hat.

          Was die Punktlandung angeht, fehlt Laniers neuem Buch darüber hinaus vor allem aus europäischer Sicht ein wichtiger Aspekt. Denn für europäische Leser hat sich die Beziehung zum Datenschutz in den letzten Tagen insofern erheblich verändert, als seit dem 25. Mai eine Grundverordnung wirksam ist, welche die Datenwillkür der großen Internetunternehmen eindämmen soll. Jaron Lanier aber nimmt die europäische Gesetzgebung in seinen Büchern seit Jahren inhaltlich kaum zur Kenntnis; was bedauerlich ist, denn der Datenschutz mit seinen vielen unterschiedlichen Standards benötigt dringend einen besseren weltweiten Austausch. Zudem hätte es einen schon interessiert, was der Friedenspreisträger von den neuen Gesetzen hält.

          Die „Arschloch-Herrschaft“ über manipulative Plattformen ist unvermeidlich

          Selbst in allerjüngster Zeit haben sich die Verhältnisse, die Laniers Buch zugrunde liegen, ein weiteres Mal gedreht. Im April hatte sich Facebook-Chef Mark Zuckerberg zunächst vor dem Amerikanischen Kongress dafür entschuldigt, den Versuch der politisch motivierten Manipulation durch das auch von Donald Trump beauftragte Beratungsunternehmen Cambridge Analytica nicht unterbunden zu haben, im Mai folgte ein bereits routinierter Bußgang vor das Europäische Parlament – nicht ohne jedes Mal den Eindruck erwecken zu wollen, Facebook habe aus seinen Fehlern gelernt und sei für die Zukunft gewappnet.

          Was im Endeffekt dazu führte, dass Facebooks Nutzer, trotz einer das Unternehmen offenbar beeindruckenden Kündigungswelle, Zuckerberg größtenteils die Stange hielten. Der Aktienkurs, der zeitweilig abgerutscht war, hat sich wieder erholt, das soziale Netzwerk kann, nachdem es die verordnete Genehmigung zur Datenausbeutung von seinen europäischen Anhängern eingeholt hat, wieder zur Tagesordnung übergehen. Die Datenschutzgrundverordnung aber, deren Wert für eine informationelle Selbstbestimmung sich gut noch erweisen könnte, ist wegen des mit ihr verbundenen bürokratischen Aufwands in den letzten Tagen umfassend verspottet und verflucht worden.

          Es wäre aber ebenso falsch, davon auszugehen, dass die Verordnung Facebook und Google bereits ausreichend gezähmt habe. Für Laniers gewohnt persönlich gehaltene und durch Argumente aus den unterschiedlichsten Wissensbereichen unterfütterte Aufforderung zur Social-Media-Accountlöschung fehlt keinesfalls die Grundlage.

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