https://www.faz.net/-gr3-6ufgk

Steven Pinker: Gewalt : Alle Kurven weisen auf den ewigen Frieden

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Zahlenritt durch die Geschichte: Steven Pinker sieht auf der welthistorischen Bühne Gewalt und Krieg auf dem Rückzug und hat evolutionspsychologische Begründungen dafür anzubieten.

          6 Min.

          Die Zeiten, in denen apokalyptische Kriegsszenarien die Zukunftsvorstellungen der Europäer beherrschten, sind so lange noch nicht her. Sie haben die Menschen mobilisiert und zu Hunderttausenden gegen die Aufstellung neuer Mittelstreckenraketen protestieren lassen. Für Steven Pinker, einen gebürtigen Kanadier, der in Harvard und am MIT Psychologie lehrt, waren diese Proteste zugleich Missverständnis und Symptom eines Trends, wonach Krieg und Gewalt in Politik und Gesellschaft auf dem Rückzug sind und noch nie in der Geschichte eine so marginale Rolle gespielt haben wie in unserer Gegenwart: Symptom, weil der Krieg als Mittel der Politik abgelehnt wurde. Missverständnis, weil ein Gewaltszenario entworfen wurde, das nicht mehr existierte.

          Mit Gegenwart meint Pinker freilich nicht nur die letzten Jahrzehnte, sondern das ganze zwanzigste Jahrhundert. Was im kollektiven Gedächtnis der Europäer und Ostasiaten ein ungeheurer Ausbruch der Gewalt war, der alles bis dahin Dagewesene übertroffen habe, ist für Pinker nur ein weiterer Schritt in einem sich beschleunigenden Rückgang von Krieg und Gewalt.

          Europa als die Instanz des Besseren

          Um diese These zu belegen, hat Pinker komplizierte Statistiken erstellt, historische Zeugnisse zusammengetragen, Zivilisationstheorien referiert und diskutiert, zuhauf psychologische Experimente dargestellt und sie mit hirnphysiologischen und neurologischen Untersuchungen in Verbindung gesetzt. Daraus ist ein Buch entstanden, das man als den Anti-Spengler des 21. Jahrhunderts bezeichnen kann: Hatte Oswald Spengler den Untergang des Abendlandes vorausgesagt, so ist bei Pinker weder von Untergang noch von Niedergang, sondern von Fortschritt die Rede.

          Und wenn bei Spengler der infolge von Überzivilisiertheit schwindende Selbstbehauptungswille Europas für dessen Niedergang verantwortlich gemacht wird, während die „Barbaren“ vordringen, sieht Pinker in der schwindenden Bedeutung von Gewalt und Gewaltandrohung ein Zeichen dafür, dass sich das Menschengeschlecht „in einem beständigen Fortschritt zum Besseren“ befinde, bei dem Europa eine Führungsrolle übernommen habe. Kant, der als einer der ersten von einem beständigen Fortschritt des Menschengeschlechts gesprochen hat, machte für ihn allenfalls historische Indizien geltend; Pinker will ihn mit wissenschaftlichen Methoden beweisen.

          Ganz ohne Mathematik kommt Pinker nicht aus

          Was sonst ein mit interdisziplinär arbeitenden Wissenschaftlern besetzter Thinktank leisten soll, hat sich Pinker ganz allein vorgenommen. Zwangsläufig hat er sich dabei auf Gebiete vorgewagt, auf denen er kein Fachmann ist. Umso mehr muss er hier darauf vertrauen, dass die mathematischen Modelle und statistischen Berechnungen, mit denen er bevorzugt arbeitet, das ausgleichen, was ihm an quellenkritischer Sensibilität abgeht. So nimmt er etwa die Zahlenangaben von Chronisten über die Gewaltopfer bei den Eroberungszügen Dschingis Khans oder Timur Lenks und multipliziert sie mit dem Faktor, um den die Weltbevölkerung heute größer ist als damals. Auf diese Weise sollen die Auswirkungen der Gewalt und die Todesraten quer durch die Geschichte miteinander vergleichbar gemacht werden.

          So kommt Pinker zu dem Ergebnis, dass der Zweite Weltkrieg mit 55 Millionen Toten auf einer „ewigen Rangliste“ der Gewaltkatastrophen erst auf den neunten Platz kommt, während die mongolischen Eroberungen den zweiten und der Sklavenhandel im Nahen Osten den dritten Platz einnehmen. Die Ermordung der Juden Europas ist bei solchen Berechnungen kein einzigartiges Ereignis mehr, ja sie taucht in Pinkers Liste der zwanzig größten Gewaltkatastrophen in der Geschichte der Menschheit nicht einmal auf. In der Nacht der Statistik sind nun einmal alle Katzen grau; das ist der Preis, den eine Methode zahlen muss, die mit den historischen Umständen auch alle Besonderheiten und Einmaligkeiten in quantitativen Größen verschwinden lässt.

          Aber sind die Zahlen, die Pinker teilweise übernimmt, teilweise selbst errechnet hat, wenigstens zuverlässig? Hier sind erhebliche Zweifel angebracht, haben doch die Chronisten früherer Zeiten mit den von ihnen gemachten Angaben oft nur die Größe und Ungeheuerlichkeit eines Ereignisses zum Ausdruck bringen wollen. Selbst wenn sie ihre Angaben hätten empirisch verifizieren wollen, hätten sie es nicht gekonnt. Sie brachten die Unermesslichkeit von Leid und Elend in Zahlen von unvorstellbarer Größe zum Ausdruck, und womöglich haben sie dabei intuitiv bereits den Faktor der Vervielfachung angewandt, mit dem Pinker ihre Zahlenangaben noch einmal multipliziert hat. Wir wissen es nicht - und auch Pinker weiß es nicht. Aber die Zahlenkolonnen, die er aufbietet, und die an- und absteigenden Linien seiner Grafiken erwecken den Eindruck, er wüsste es ganz genau. Das ist in einigen Fällen auch so, etwa bei den dramatisch rückläufigen Raten der Tötungsdelikte in Europa oder der Anzahl der zum Tode Verurteilten und Hingerichteten in aller Welt. Andere Grafiken dagegen beruhen auf vagen Schätzungen, kommen aber mit demselben wissenschaftlichen Dignitätsanspruch daher.

          Es mangelt an Konsequenzen

          Natürlich weiß Pinker um die Unzuverlässigkeit solcher Zahlen, notiert dies auch mehrfach, lässt es dann dabei aber bewenden und behandelt die Zahlen, als seien sie in der Epoche der amtlichen Statistik erhoben worden. Diese wundersame Verwandlung des Unzuverlässigen ins Zuverlässige durch das Eingeständnis der Unzuverlässigkeit ereignet sich in Pinkers Buch aber keineswegs nur bei den Statistiken, sondern auch im Umgang mit den Quellentexten selbst.

          Sowohl Homers „Ilias“ als auch die Bücher der hebräischen Bibel werden von Pinker als historische Quellen gelesen, mit denen sich die exzessive Gewalt früherer Zeiten belegen lässt - nachdem er zuvor durchaus zugestanden hat, dass es sich um Literatur, Rachephantasien und ähnliches handle. Wie sind solche Inkonsistenzen der Argumentation bei einem wissenschaftlich versierten Autor zu erklären? Vermutlich haben wir es hier mit verschiedenen Schichten aus dem Entstehungsprozess des Buches zu tun: Pinker hatte den Text geschrieben, Kolleginnen und Kollegen, die die Rohfassung lasen, machten ihn auf methodische Probleme aufmerksam, er hat die Hinweise übernommen und in den Text eingebracht - aber die Konsequenzen daraus hat er nicht gezogen.

          Steven Pinker scheint nicht nur ein Freund der Sprache zu sein: er verlässt sich in seinem neue Werk „Gewalt“ auf Zahlen

          Pinkers These lautet, dass vor der Entstehung von Staaten die Tötungsrate unter den Menschen sehr viel höher gelegen habe. Während die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit eines gewaltsamen Todes in Jäger- und Gärtnergesellschaften bei durchschnittlich fünfzehn Prozent gelegen habe, sei sie in den Kriegen des siebzehnten Jahrhunderts auf zwei Prozent und im zwanzigsten Jahrhundert auf einen Wert zwischen drei und 0,7 Prozent gesunken. Es ist das Argument des Thomas Hobbes, dass die Monopolisierung der Gewalt beim Staat nicht nur den durch Ehrvorstellungen gesteuerten Mechanismus von Rache und Widerrache durchbricht, sondern auch dafür sorgt, dass der in einer anarchischen Gesellschaft herrschende Zwang zur präventiven Gewaltanwendung außer Kraft gesetzt wird.

          Für die vor- und frühgeschichtliche Gewaltrate will sich Pinker aber nicht nur auf Hobbes verlassen, sondern bemüht auch Darwin: Eine hohe Gewaltbereitschaft der Männer habe hier Evolutionsvorteile gehabt, denn mit jedem Mann, den man tötete, eignete man sich dessen Frauen an und sorgte so für mehr Nachkommenschaft mit den eigenen Erbinformationen. Später kommt Pinker dann auf die gewaltlimitierenden Effekte zu sprechen, die mit der Durchsetzung der Monogamie verbunden waren: Monogamie begrenzt die Evolutionsvorteile von Töten und Rauben und zivilisiert so die Männer.

          Prozess der schwindenden Gewalt musste so kommen

          Es ist aber nicht nur der Staat, der durch seinen Anspruch auf das Monopol legitimer physischer Gewalt die Tötungsrate gesenkt hat, sondern es kommt auch eine Form gesellschaftlicher Selbstzivilisierung ins Spiel, wie sie von Norbert Elias vor Jahrzehnten bereits untersucht worden ist. Es schließt sich als weitere Geschichtsetappe die von Pinker so bezeichnete „humanitäre Revolution“ an, die im Wesentlichen mit der Aufklärung identisch ist und in deren Verlauf Gewalt und Grausamkeit delegitimiert wurden. Darauf folgt bei Pinker der „Lange Frieden“, der sonst Kalter Krieg heißt, und dann der „Neue Frieden“ nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Pinker gesteht zu, dass in diesen auch neue Kriege eingelagert seien, bezweifelt aber, dass sie höhere Tötungsraten aufwiesen als die klassischen Staatenkriege, und verweist dazu auf die waffentechnischen Defizite der Gewaltakteure. Wie dieses Argument mit der von ihm angenommenen hohen Tötungsrate in primitiven Gesellschaften zusammenpasst, muss sein Geheimnis bleibens.

          Im Prinzip sind diese historischen Kapitel, die mehr als die Hälfte des Buches ausmachen, nur Beobachtungen mit dem Anspruch auf eine wissenschaftliche Fundierung, die erst nachgereicht wird. Dann nämlich, wenn Pinker die Antriebe und Verhaltensweisen von Menschen im Hinblick auf Habgier, Wollust, Ehrgeiz, Dominanzstreben, Rachebedürfnisse und Sadismus untersucht, die Effekte von Ideologie, aber auch Empathie, Vernunft und Selbstbeherrschung als Blockaden der Gewalt ins Auge fasst. Die Grundlage dafür sind zahlreiche psychologische Experimente aus den letzten Jahrzehnten, in denen die Reaktionen von Menschen beobachtet und gemessen wurden. Seit dem Aufstieg der Neurowissenschaften können diese Beobachtungen mit Aktivitäten des Gehirns verknüpft werden.

          In diesen Passagen wird eigentlich erst klar, warum sich Pinker auf den riskanten Ritt durch die Geschichte eingelassen hat, denn nun verbindet er historische Etappen und psychologische Reaktionsbeobachtung miteinander, um Erklärungen dafür zu offerieren, warum der Prozess der schwindenden Gewalt sich keinen Zufällen verdankt, sondern zwangsläufig vonstatten geht.

          Drei Männer und ihre große Rolle

          Wer vieles weiß, hat es schwer, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Pinkers Buch lässt sich weder in einem Zug noch ohne große Mühe lesen. Nicht nur, weil es so dick ist, sondern auch wegen der zahllosen Abschweifungen und methodischen Erläuterungen. So mutet es manchmal an wie eine Vorlesung, in der die Studierenden anhand einer Überfülle von Beispielen in die Methodologie eines Fachs eingeführt werden. Das ist mitunter nicht uninteressant, in „einer neuen Geschichte der Menschheit“ aber doch zumeist störend.

          Sinnvoller wäre es gewesen, wenn Pinker mehr Aufmerksamkeit auf Probleme seiner Argumentation verwandt hätte, etwa darauf, wie zusammenpasst, dass er die Gewaltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts letztlich in der Macht dreier Männer - Hitler, Stalin und Mao - kulminieren lässt, deren politischer Aufstieg keineswegs zwangsläufig war, wo doch seine Argumentation auf der Aussagekraft großer Zahlenmengen beruht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          An der Börse fallen die Kurse auf breiter Front.

          Neue Wirtschaftswelt : Jenseits des Virus

          Die Menschen müssen lernen, sich in einer Welt mit niedrigem Wachstum, niedriger Inflation und niedrigen Zinsen zurecht zu finden – ganz unabhängig vom Coronavirus.
          Amerikas Präsident Donald Trump: Einigung mit der Taliban steht bevor.

          Neues Abkommen : Trump bestätigt Einigung mit Taliban

          Der Krieg in Afghanistan ist der längste in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Nun steht ein Abkommen mit den Taliban bevor. Präsident Trump kündigt an, seinen Außenminister Pompeo zur Unterzeichnungszeremonie nach Doha zu schicken.
          Sicher ist sicher: Die Kunden decken sich mit Konserven und Einmachgläsern ein.

          Vorratskäufe nehmen zu : Hamstern in der Mittagspause

          Ein Wagen voller Konserven ist auch in Zeiten des Coronavirus noch kein Indiz für einen „Prepper“. Dennoch zeigt sich in den Supermärkten, dass es mehr Vorratskäufe gibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.