https://www.faz.net/-gr3-79k0j

Steven Nadler: The Philosopher, the Priest, and the Painter : Mechaniker im Minenfeld

Bild: Verlag

Gute Gelegenheit, den vielgelobten und gern geschmähten „Vater der modernen Philosophie“ kennenzulernen: Steven Nadlers ungewöhnliches Porträt von René Descartes.

          Im Herbst des Jahres 1649 machte sich René Descartes daran, nach Stockholm aufzubrechen. Königin Christina von Schweden hatte ihn schon lange gedrängt, an ihren Hof zu kommen, Descartes seinerseits drei Jahre lang gezögert, ihrem Wunsch nachzugeben. Er hing an dem Leben, das er seit einigen Jahren in dem Dorf Egmond an der holländischen Küste führte, selbst wenn die Winter lang waren.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          In Stockholm waren sie freilich noch härter, Descartes zählte mittlerweile über fünfzig Jahre, und Christina bestand darauf, wie sich herausstellen sollte, ihre Lektionen in den Grundlagen der neuen Wissenschaft zu früher Morgenstunde zu erhalten, die Descartes von jeher - in der Jesuitenschule seiner Kindheit mit Sondererlaubnis wegen empfindlicher Konstitution - im Bett zugebracht hatte. Das neue Regime dürfte seiner Widerstandskraft nicht förderlich gewesen sein, und im Februar 1650 verstarb Descartes.

          Wer war der Maler?

          Adrien Baillet schrieb vierzig Jahre später in seiner Biographie, Descartes hätte bereits bei der Abreise nach Schweden Vorahnungen seines bevorstehenden Todes geäußert und die zu seinem Abschied versammelten Freunde dadurch traurig gestimmt. Mag sein, dass Baillet hier ein wenig seinem Hang zur philosophischen Hagiographik nachgab.

          Doch sein Bericht, dass einer dieser Freunde, den die traurige Aussicht besonders berührte, kurz entschlossen von einem Maler ein Bild Descartes’ anfertigen ließ, ist darum kaum zu bezweifeln. Den Namen des Freundes, Monsieur Bloemaert, nennt Baillet und vergisst auch nicht den Hinweis, dass dieser katholische Priester in den vorangegangenen Jahren oft von Descartes in Haarlem besucht worden sei. Doch den Namen des Malers, der das Porträt von Descartes anfertigte, sucht man vergeblich.

          Womit die drei Personen im Titel des neuen Buchs von Steven Nadler, „The Philosopher, the Priest, and the Painter“, versammelt sind. Der Philosoph ist natürlich Descartes, Augustijn Alster Bloemaert ist der Priester, und beim Maler entscheidet sich der Autor für einen zwar nicht belegbaren, aber plausiblen und auch attraktiven Namen, nämlich Frans Hals.

          Das Bild, das 1649 wohl in Haarlem entstand, ist für ihn jenes in expressiver Manier ausgeführte kleinformatige Porträt, das heute im Staatlichen Kunstmuseum in Kopenhagen hängt und auch als echter Hals gilt - im Gegensatz zu dem mittlerweile nur noch als „nach Frans Hals“ geführten stattlicheren Bildnis im Louvre, das in der Descartes-Ikonographie vermutlich immer noch den ersten Rang einnimmt.

          Ein Porträt, unakademisch und kleinformatig

          Nun weiß man aus den Quellen gar nicht besonders viel über den Umgang Descartes’ mit Bloemaert, während die Begegnung mit Hals mangels Dokumenten hypothetisch bleiben muss. Bei einem Roman würde eine solche Konstellation, die Freiräume für Ausgestaltungen lässt, nicht weiter auffallen. Aber Steven Nadler ist kein Romancier, sondern ein renommierter, durch eine Reihe von Büchern ausgewiesener Philosophiehistoriker und exzellenter Kenner der Ideen- und Kulturgeschichte des siebzehnten Jahrhunderts.

          Die Freiräume, die sein Figurentrio gestattet, werden von ihm auch durchaus nicht dazu benutzt, sich auszumalen, was die Quellen nicht hergeben. Was er vor Augen hat, ist vielmehr ein Porträt Descartes’, das sich jenes von Hals zum Vorbild nimmt: im kleinen Format, nicht durchgezeichnet und akademisch ausladend, sondern an einigen hervorstechenden Zügen orientiert. Er fokussiert dabei auf die Zeit von den späten dreißiger Jahren bis zur Abreise nach Schweden, nimmt aber auch hier nur einige Facetten in den Blick.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brexit-Treffen : Johnson blitzt bei Juncker ab

          Der britische Premierminister Johnson hatte Zuversicht verbreitet, doch neue Ideen legte er in Luxemburg wieder nicht vor. Sein Gespräch mit EU-Kommissionschef Juncker blieb ohne Durchbruch.
          Haus an Haus: Bisweilen liegen Wunsch und Wirklichkeit zumindest räumlich sehr nah.

          Hohe Immobilienpreise : Vom Traumhaus zur Realität

          Die Suche nach Immobilien bringt immer mehr Stress mit sich. Doch vom freistehenden Einfamilienhaus träumen die meisten Deutschen. Und ein Eigenheim hat viele Vorteile.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.