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Steven Johnson: Wo gute Ideen herkommen : Aus Altbauten kommen die besten neuen Ideen

Bild: Verlag

Nur weil es der Markt will? Steven Johnson zeigt in seiner fabelhaften Geschichte der Innovation, dass die meisten Erfindungen im Kollektiv entstehen - und ohne große finanzielle Anreize.

          Gute Ideen sind knapp. Genauer gesagt: Wenn man sie nicht hat, sind sie knapp, wenn sie erst einmal da sind, haben alle etwas davon. Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Steven Johnson hat ein Buch über die Umgebungen geschrieben, in denen gute Ideen entstehen. Die englische Originalausgabe ist vom „Economist“ 2010 zum Buch des Jahres gewählt worden. Das Lob der anglo-amerikanischen Presse war einhellig. Nun wissen wir ja, dass die auch Taleb loben. Also noch so ein „Erfolg-ist-machbar“- Buch, mit dem sich jemand als Ratgeber empfiehlt, um Firmen und anderen Opfern das Geld aus der Tasche zu ziehen?

          Nein, das Gegenteil. Ein sehr kluges, belesenes, ausgeruhtes, gut geschriebenes und jeder Sprücheklopferei fernes Buch. Und eines, das „Innovation“ überhaupt nicht auf vermarktungsfähige technische Objekte oder Dienstleistungen einschränkt. Johnson kennt die unterschiedlichsten Literaturen, zur Geschichte der Biologie wie zur Literaturwissenschaft, zur Stadtsoziologie, zum Internet und zur Organisationsforschung.

          Sein Innovationsbegriff umfasst medizinische Entdeckungen so gut wie physikalische Gesetze, Verbesserungen in der Zementherstellung, Erkenntnisse aus der Stoffwechselstatistik der Rinder oder die Erfindung der Detektivgeschichte. Wir erfahren, was nötig war, um der Cholera auf die Spur zu kommen, und was am Beginn des GPS stand, wie es zur Klimaanlage kam und was fehlte - Innovationsrückstände -, damit die einschlägigen Beobachtungen an Terrorverdächtigen vor dem 11. September zu den richtigen Schlüssen hätten führen können.

          Doch auch wenn sein Buch mit einer Chronik der wichtigsten Innovationen schließt - von der doppelten Buchführung bis zu den Gammablitzen -, Johnsons Erkenntnisinteresse ist nicht in erster Linie ein historisches. Er sucht vielmehr nach Mustern, die sich bei der Hervorbringung guter Experimente immer wieder bewähren.

          Studiert mehreres und lasst euch Zeit

          Ein solches Muster ist beispielsweise die soziale Verdichtung: Die Urbanisierung hängt mit der Innovationsrate eng zusammen. Und in den Städten entstehen die meisten neuen Ideen in alten Gebäuden. Warum? Weil sich die Erfinder neue meistens weder leisten können noch einen Sinn für Eindrucksmanagement haben. Erfinder sind oft Wiederverwerter dessen, wovon sich die anderen abgewendet haben.

          Ein anderes Muster ist Bereitschaft der Erfinderischen, sich Zeit zu nehmen, um auf unterschiedlichen Gebieten ähnlichen Fragen zu folgen. Studiert nicht so schnell, ruft Johnson jungen Leuten zu, studiert mehreres. Aber schreibt dabei alles auf, was euch durch den Kopf geht, man weiß ja nicht, wozu man es einmal braucht. Innovationen kommen plötzlich, aber nicht aus dem Nichts, sondern aus Ideensammlungen. Vor allem Charles Darwin, für den das galt, hat es Johnson als exemplarischer Forscher angetan.

          Das Entdeckungsprinzip des Nächstmöglichen

          Außerdem darf die Registratur der eigenen Einfälle nicht zu rigide sein. Wer zu stark sortiert, isoliert Gedanken gegeneinander, deren Zusammentreffen erst die Neuerung ausmacht. Auch hier ist also tätiges Abwartenkönnen eine gute Maxime. Apropos Maxime: Das Buch zieht aus der Vergangenheit des Neuen Einsichten, die jedem, der noch mehr vor als hinter sich hat, gefallen müssen. Was keine Altersfrage ist, sondern eine der Freude an Problemlösungen.

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