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: Stern über dem zwanzigsten Jahrhundert

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Die darstellerischen Kräfte, die dieses Leben einem Biographen abverlangt, sind enorm. Seine schiere Dauer von mehr als einem Jahrhundert - lässt sie sich auf eine Formel bringen, vielleicht auf die der stets wiederholten Grenzüberschreitung? Der Länder- und der Wahrnehmungsgrenzen, der des gesitteten bürgerlichen ...

          Die darstellerischen Kräfte, die dieses Leben einem Biographen abverlangt, sind enorm. Seine schiere Dauer von mehr als einem Jahrhundert - lässt sie sich auf eine Formel bringen, vielleicht auf die der stets wiederholten Grenzüberschreitung? Der Länder- und der Wahrnehmungsgrenzen, der des gesitteten bürgerlichen Lebens im Krieg, nein: in zweien? Und welche Retuschen gilt es, umsichtig, Fläche für Fläche, voneinander abzuheben - bei einem Autor, der seine Werke immer wieder revidiert hat.

          Wer zählt die Masken und Stilisierungen Ernst Jüngers, vom Krieger zum Anarchen, vom kalten zum mitfühlenden Beobachter, vom Nietzscheaner zum Leser der Psalmen, vom Denker der Nation zum Propheten des "Weltstaats"? Wer dieses Leben beschreiben will, der muss es mit dem zwanzigsten Jahrhundert aufnehmen können, mit den Literaturen mindestens Deutschlands und Frankreichs, mit der Politik und der Philosophie, mit seinen Freikorps und seinem LSD, mit den frühen technischen, technokratischen Visionen und mit der späten Ökologie.

          Unmögliche Aufgabe! Dennoch: Helmuth Kiesel ist es gelungen, eine Gesamtdarstellung zu schreiben, respektabel und redlich, nichts auslassend, vieles erhellend. Ein Kunstgriff des Buches findet sich gleich zu Beginn, wenn Kiesel die kulturelle Konstellation von Jüngers Geburtsjahr 1895 entwirft. Es ist ja eine gute Übung der Biographik, seit Goethes "Dichtung und Wahrheit", den Anfang mit einer Beschreibung der "Nativität" zu machen. Und es müssen nicht immer die Planeten sein, die da in Aspekte treten, es können auch andere, irdischere Mächte sein, die nach Ausdeutung verlangen. "Modernität" etwa ist ein Wort, das sich, wie Kiesel feststellt, um 1895 seinen Platz in den Lexika erobert. Mit ihm treten in eine widersprüchliche, gespannte Konstellation am Ideenhimmel über Ernst Jünger die Begriffe "Neurasthenie", "Vitalität", "Nationalismus", "Imperialismus", "Fortschrittsdenken" und "Sekurität" zusammen.

          Kiesels Buch ist das eines Mannes, der sich durch und durch als Literaturwissenschaftler versteht. Vielleicht erklärt sich so das Schiefe, das sich gleich zu Beginn findet, wenn dann doch von den astrologischen Bildern die Rede ist: Die "Nativität" erklärt er als die "Konstellation der Gestirne im Zeichen des Widder" - nein, im Widder stand damals die Sonne, und die Nativität beschreibt die ganze, auch über die anderen Zeichen des Tierkreises verteilte Stellung der Planeten.

          Jünger, auch sein Freund Carl Schmitt, hielten auf die Astrologie große Stücke. Warum? Vielleicht, weil es sich bei dieser Lehre um die dichteste, gerade noch erreichbare Form des antiken Mythos handelte. Weil er hier die Göttergenealogien wiederfand, von den Titanen bis zu den Olympiern, in denen er seine Wirklichkeit zu erkennen glaubte. Kiesel erwähnt die Bekanntschaft Jüngers mit dem Astrologen Friedrich Lindemann, aber am Ende bleibt diese Denkform ein Fremdkörper in der Darstellung; dass manche späteren Schriften, "An der Zeitmauer" etwa, in ihrer Argumentation astrologisch tief imprägniert sind, wird an-, aber nicht ausgedeutet. Dieses Buch ist ein Plädoyer für Ernst Jünger vor dem Forum des Gegenwartsbewusstseins. Jüngers Werk ist damit beschrieben, aber zugleich versiegelt wie ein kontaminierter Reaktor.

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