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Stephen Kotkin: Stalin : Ein Mann nach Lenins Geschmack

  • -Aktualisiert am

1922 beim kranken Lenin: Stalin hat sich hier möglicherweise nachträglich als legitimer Erbe ins Bild setzen lassen. Bild: Picture-Alliance

Stephen Kotkin zeigt im ersten Band seiner Biographie Josef Stalins den Aufstieg der Bolschewiken. Niemals zuvor ist die Geschichte der sowjetischen Staatswerdung besser erzählt worden als hier.

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          Schon wieder eine Stalin-Biographie? In drei Bänden? Wer braucht eine solche Lebensbeschreibung, und was könnte sie einem Leser, der mit dem Leben Stalins schon vertraut ist, noch erklären? Der Titel aber verspricht, was das Buch nicht halten kann. Es ist der Untertitel, der ankündigt, worum es in diesem Buch geht: um die Paradoxie der Macht. Stephen Kotkin hat keine Stalin-Biographie geschrieben, sondern eine faszinierende Geschichte der Macht in der frühen Sowjetunion, die ihresgleichen sucht. Deshalb kommt Stalin in diesem Buch erst spät ins Spiel. Kotkin stellt ihn vor, beschreibt seine Jugend in Georgien, lässt ihn dann aber wieder verschwinden. Erst in der Mitte des Buches taucht er wieder auf.

          Stattdessen erzählt er von der Macht und ihren Wirkungen, von der Autokratie und ihren Ministerpräsidenten, von Bauern und Revolutionären und vom großen Krieg, der das Zarenreich endgültig zerstörte. Wir erfahren, dass die Revolutionäre ihrer Sache keineswegs sicher waren, Liberale, Sozialrevolutionäre und Menschewiki ebenso wenig wie die Bolschewiki. Denn sie wussten, dass auch sie sich auf die Umstände einstellen mussten, die der Regierung des Zaren zum Verhängnis geworden waren: die Größe des Landes und die Schwäche der Institutionen. Lenin war überhaupt kein Stratege. Er hatte, als er im Oktober 1917 den Entschluss fasste, die Regierung zu stürzen, keinen Plan. Es gab nicht einmal eine klare Vorstellung darüber, wie der neue Staat und seine Regierung beschaffen sein sollten. Tag für Tag rechneten Lenin und seine Gefährten damit, wieder von der Macht vertrieben zu werden. Sie hatten keine Kontrolle über das chaotische Geschehen.

          Die Regierung, schreibt Kotkin, habe nur aus vier Personen bestanden: Lenin, Trotzki, Stalin und Swerdlow, Männer, die Erfahrungen mit der zaristischen Polizei gemacht hatten, in der Verbannung oder in Gefängnissen gewesen waren, die aber keine Vorstellung davon hatten, wie ein Staat regiert werden sollte. Sie ließen dem Geschehen freien Lauf, weil sie nicht wussten, wie sie ihm eine Form hätten geben sollen. Chaos und Anarchie, eine Herrschaft, die nur für den nächsten Tag gemacht war. Ein Zeitgenosse, der in der Machtzentrale, dem Smolny, arbeitete, erinnerte sich, auf den Gesichtern der bolschewistischen Volkskommissare sei Angst zu sehen gewesen. Und diese Angst wuchs, weil die Behörden sich weigerten, mit den Bolschewiki zu kooperieren, weil Gewalt die Straßen beherrschte, weil die Truppen des deutschen Kaisers das Kernland des Imperiums bedrohten und weil niemand wusste, ob die Gegner der Bolschewiki am Ende doch die Oberhand gewinnen würden. Es gab am Anfang nicht einmal eine staatliche Polizeigewalt, und die neuen Herren hatten keine andere Wahl, als Plünderern und Wegelagerern die Macht über die Straße zu überlassen. Selbst Lenin, der Führer der Revolution, wurde im Jahr 1918 aus dem Auto gezerrt, ausgeraubt und auf der Straße stehengelassen. „Dada and Lenin“, so nennt Kotkin die Ereignisse des Jahres 1918.

          Die Bühne des Erzählers

          Macht bedeutet, anderen seinen Willen aufzuzwingen oder sie daran zu hindern, selbst Macht auszuüben. Aber erst wenn Macht institutionalisiert wird, kann sie dauerhaft werden. Herrschaft entsteht, wenn die Unterworfenen von selbst verrichten, was die Mächtigen von ihnen verlangen. Lenins Staat beruhte auf Raub und Umverteilung, auf Einschüchterung und Terror, auf Privilegierung und Entrechtung. Seine Polizei ähnelte einer Räuberbande, seine Behörden wurden von Männern regiert, die den improvisierten Terror in eine Machtstrategie verwandelten. Als der Bürgerkrieg ausbrach, bekamen die Bolschewiki die Chance ihres Lebens. Sie konnten die Improvisation und die Bewältigung von Krisen durch Gewalt zur Grundlage ihrer Herrschaft machen. Sie lernten, wie Krisen überwunden, Schlachten geschlagen und Feinde vernichtet wurden. In diesem Kontext entstand der sowjetische Staat. Die Bolschewiki seien vom Bürgerkrieg geformt worden, sagt Kotkin. Er bewahrte sie vor Dada und vor dem sicheren Untergang und gab ihrer politischen Kultur eine unverwechselbare Form.

          Kotkin beschreibt die Gebäude, in denen die neuen Institutionen und ihre Funktionäre untergebracht waren, die Wege, die zwischen ihnen zurückgelegt werden mussten, und die Entscheidungen, die in ihnen getroffen wurden. Jetzt erscheint Stalin wieder auf der Bühne des Erzählers. Kotkins Stalin ist ein Mann der Tat, einer, der es verstand, Intrigen einzufädeln, Konkurrenten um die Macht auszuschalten und von der Gewalt skrupellos Gebrauch zu machen. Solche Männer waren nach Lenins Geschmack.

          Sie taten, worüber andere nur sprachen. Stalin war einer, der das, was er tat, mit großer Effizienz betrieb. Von seinem Aufstieg erzählt Kotkin auf eine Weise, die verständlich werden lässt, warum er und nicht seine Widersacher im Machtkampf obsiegten. Stalin konnte sich zu jeder Zeit auf die Unterstützung Lenins verlassen. Alle Erzählungen, die das Gegenteil behauptet haben, verbannt Kotkin zu Recht in das Reich der Märchen. Stalin hatte verstanden, dass der Sowjetstaat international isoliert und schwach war und sich den Export der Revolution nicht leisten konnte. Er wusste, dass Macht besaß, wer auf der Klaviatur der persönlichen Verbindungen und Institutionen zu spielen verstand. Er selbst ordnete das Personaltableau der Partei zu seinen Gunsten und verwandelte die Partei in einen Orden, der von Kontrolle nicht nur sprach, sondern sie auch ausübte. Niemals zuvor ist die Geschichte der sowjetischen Staatswerdung, in deren Zentrum Stalin stand, besser erzählt worden als in Kotkins Buch. Man versteht, dass der Staat Stalins aus dem Geist des Misstrauens, aus den Zwängen der Schwäche und der Macht der Gewalt kam.

          Die Gewalt blieb immer im Spiel

          Kotkin beendet den ersten Band mit einer Geschichte, die exemplarisch vorführt, was der Stalinsche Staat war und welche Rolle Stalin in ihm spielte. Als Stalin im Jahr 1927 von den militärischen Führern der Roten Armee wissen wollte, wie es um die Streitkräfte bestellt sei, erhielt er eine Antwort, die ihm vor Augen führte, dass das sowjetische Imperium auf tönernen Füßen stand. Die Armee sei nicht nur nicht imstande, einen Angriffskrieg zu führen, sie könne nicht einmal das eigene Land verteidigen, bekam er zu hören. Stalin zog daraus Stalinsche Konsequenzen. Die Sowjetunion musste unabhängig werden und ihre internationale Isolation überwinden. Diese Leistung aber würde sie nur als mächtiger Industriestaat zustande bringen. Wie aber sollte die Industrialisierung des Landes ins Werk gesetzt werden? Durch Ausplünderung und Unterwerfung der Bauern, so lautete Stalins Antwort.

          Die Kollektivierung der Landwirtschaft war nicht nur ein Versuch, das Dorf in die sozialistische Wirtschaftsordnung zu integrieren. Sie war ein Unterwerfungsfeldzug, der vollbringen sollte, woran die Mediatisierung der Staatsgewalt gescheitert war. Niemals mehr sollten Bauern sich widersetzen, wenn die Staatsbehörden das letzte Wort gesprochen hatten. Stalin selbst hatte zu Beginn des Jahres 1928 erfahren müssen, was es hieß, Befehle zu erteilen, die im Niemandsland vergingen. Als er im Januar mit der Eisenbahn in Westsibirien eintraf, um die lokalen Kommunisten auf die große Abrechnung mit den Bauern einzustimmen, sah er, dass es nicht einmal Autos und Straßen gab, die ihn, den Führer des Weltproletariats, an den Ort des Geschehens bringen konnten. Im Schlitten wurde der Führer von Dorf zu Dorf durch den Schnee gezogen. Er wird die Hütten der Bauern gesehen und den jämmerlichen Zustand der Infrastruktur bemerkt haben. Eine Weltmacht ohne Straßen, ohne Post und Telefon, ohne Industrie und ohne neue Menschen aber sollte die Sowjetunion nicht bleiben. Um jeden Preis müsse die Getreideablieferung vorangetrieben werden, schärfte Stalin den sibirischen Funktionären ein, damit die Bauern sich den Forderungen der Staatsbehörden in Zukunft nicht mehr widersetzten. Zwar widersprachen Kollektivierung und Gewalt den Ordnungs- und Sicherheitsinteressen der lokalen Kommunisten, aber sie gehorchten.

          Als Möglichkeit blieb die Gewalt immer im Spiel. Gewalt ist eine Machtressource, der sich nicht nur jedermann mit Leichtigkeit bedienen kann. Sie ist auch ein Mittel, dessen Einsatz von jedermann verstanden wird. Nichts ist für die Machthaber attraktiver, als Ungehorsam mit Gewalt zu begegnen. Denn es ist einfach, die Gewalt sprechen zu lassen, wenn Gegenwehr nicht mehr zu erwarten ist. Schon während des Bürgerkrieges hatten die Bolschewiki Furcht und Schrecken verbreitet, Getreide und Vieh geraubt. Und sie hatten mit dieser Strategie stets Erfolg gehabt. Warum hätten sie auf Gewalt verzichten sollen, wenn sie doch die einzige Ressource war, die ihnen einen Machtgewinn versprach? Stalin war der Hohepriester der Gewalt. Er war ein Geschöpf des Bürgerkrieges, jemand, der sich Staatswerdung nur als gewalttätige Unterwerfung vorstellen konnte. Die meisten Bolschewiki folgten ihm, weil auch sie so dachten wie er. Aber sie unterwarfen sich dem bösen Willen eines zutiefst bösen Menschen, der nicht nur den Untertanen Furcht und Schrecken einjagte, sondern auch die Kommunisten in den Abgrund des Verderbens zog. Diese Geschichte wird Gegenstand des zweiten Bands sein.

          Kotkin erzählt die Geschichte der sowjetischen Staatswerdung als ein Geschehen, das aus der Erfahrung des Bürgerkrieges, des Chaos und der Ohnmacht kam. In der Person Stalins verkörperte sich diese Erfahrung wie in niemandem sonst. Das Massiv des Quellenmaterials ist überwältigend. Aber Kotkin breitet es nicht vor den Lesern aus. Er bringt es in einer meisterhaft komponierten und brillanten Erzählung erst recht zur Sprache.

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