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Stephen Ellis und Desmond Tutu: Season of Rains : Freie Flächen dringend gesucht

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Ein Kontinent vor massiven Herausforderungen: Stephen Ellis weiß, worauf es in Afrika künftig ankommt. Er sieht vor allem die Eliten und Intellektuellen in der Pflicht.

          3 Min.

          Vor dreieinhalb Jahren hielt der französische Präsident Nicolas Sarkozy auf seiner Afrika-Reise eine an die Jugend Afrikas adressierte Rede an der Universität Dakar in Senegal, der wichtigsten Hochschule des frankophonen Afrika. Darin verstieg sich Sarkozy zu Ausführungen, die an klassische koloniale und rassistische Muster gemahnten. Das Drama Afrikas bestehe darin, dozierte er, „dass der afrikanische Mensch nur unzureichend die Geschichte betreten hat. Niemals visiert er die Zukunft an. Der afrikanische Bauer, dessen Lebensideal darin besteht, mit der Natur in Einklang zu leben, kennt lediglich die ewige Wiederkehr der Zeit, deren Rhythmus durch die unendliche Wiederkehr der immergleichen Taten und Worte geprägt ist.“

          In Afrika, führte Sarkozy weiter aus, sei kein Platz für die Idee des Fortschritts. „In diesem Universum, wo die Natur alles bestimmt, bleibt der Afrikaner in einer stets gleich bleibenden Ordnung, in der alles vorher festzustehen scheint, unbeweglich.“ Diese Aussagen lösten einen Sturm der Entrüstung unter afrikanischen Intellektuellen, aber auch bei vielen Afrika-Experten weltweit aus und sicherten Sarkozy einen festen Platz im Horrorkabinett der Afrika-Wissenschaften. In seinem konzisen, gedankenreichen Essay greift Stephen Ellis Sarkozys Rede als extremes Beispiel für jenes veraltete Denken auf, das bis heute im Westen noch weitgehend das Reden und Schreiben über Afrika prägt: Afrika als verlorener oder zumindest stagnierender Weltteil, der ohne Anstoß von außen nicht vorankommt.

          Autoritärer Herrschaft und aggressivem Kapitalismus

          Ellis hingegen porträtiert den Kontinent als dynamisch, im raschen Wandel begriffen, seinen Platz in der globalen Ordnung neu justierend. Erfreulicherweise gibt der Autor weder den Afro-Optimisten, der das gegenwärtige Wirtschaftswachstum mit glorreicher Zukunft gleichsetzt, noch reiht er sich ein in den Chor der Pessimisten, die vor allem Gewalt, Korruption, Armut und ökologische Katastrophen mit den Ländern südlich der Sahara verknüpfen. Der Autor, der am Afrika-Studienzentrum in Leiden forscht und eine Professur in Amsterdam bekleidet, bietet ein provokantes, thematisch weit ausgreifendes Porträt Afrikas - des Kontinents, der im vergangenen Jahrhundert das rascheste Bevölkerungswachstum in der Geschichte des Planeten erlebte.

          Diese Entwicklung brachte etwa hohe ökologische Kosten mit sich. Und während die Geschichte Afrikas über lange Zeit von einer relativen Fülle an Land und einem Mangel an Arbeitskräften charakterisiert war, haben sich diese Umstände radikal verändert: Nun gehört Arbeitslosigkeit zu den drängendsten Problemen der meisten afrikanischen Staaten. Besonders betroffen davon sind junge, auch gut ausgebildete Menschen. Es gehört zu den Herausforderungen der afrikanischen Politik, für diese Gruppe eine Zukunftsperspektive zu schaffen. Die wachsende Zahl von Menschen schafft auch eine stärkere Nachfrage nach Waren. Niemand hat das besser erkannt als China. Mehr noch ist Peking freilich an Afrikas Rohstoffen interessiert. Die chinesische Regierung verfolgt dort, wie Ellis hervorhebt, klare politische Interessen, sucht sie doch die Unterstützung der afrikanischen Länder in internationalen Institutionen und Foren. Die für China charakteristische Mischung aus autoritärer Herrschaft und aggressivem Kapitalismus genieße in Afrika unter Intellektuellen beträchtliche Bewunderung.

          Hinzu kommt, dass Afrika über einen Großteil der global für die Agrarproduktion noch freien Flächen verfügt. „Land grabbing“, der oft auf dubiosen rechtli-chen Grundlagen vollzogene Landkauf oder die Landpachtung durch ausländische Investoren, verstärkt aus China und den arabischen Staaten, die auf diese Weise die Nahrungsmittelversorgung für ihre Bevölkerung sichern wollen, führt zunehmend zur Marginalisierung von afrikanischen Kleinbauern und zu rasch steigenden Lebensmittelpreisen. Diese Praxis deutet die potentiell negativen Folgen des wachsenden Interesses an Afrika an, das einige Interpreten bereits als neuen „Scramble for Africa“ deuten. Ellis unterstreicht zwar das Potential der stärker werdenden ausländischen Nachfrage für die Stimulierung der Wirtschaft Afrikas. Im gleichen Atemzug erachtet er den Run auf Afrikas Güter jedoch als Kennzeichen eines „wilden Kapitalismus“, an dessen Ende nur noch „Buschwerk, Steine und Sand“ übrigbleiben könnten.

          Angesichts dieser massiven Herausforderungen sieht Ellis die afrikanischen Eliten und Intellektuellen in der Pflicht. Diese sollten mehr „Scharfsinnigkeit“ als in den vergangenen Dekaden demonstrieren, in denen sie vor allem von der Abhängigkeit ihrer Länder vom reichen Westen profitiert und diese auch noch gefördert hätten. Denn die Eliten waren schlicht aufgrund ihrer Position im System durch die Entwicklungshilfe privilegiert. In diesem Zusammenhang warnt der Autor vor allzu generellen Sichtweisen auf die Korruption südlich der Sahara, die häufig von jenen internationalen Organisationen toleriert und befördert worden sei, die Käuflichkeit ansonsten mit Verve beklagten. Ellis gibt sich keinen Illusionen über die Probleme hin, unter denen die Menschen in Afrika leiden. Zugleich macht er deutlich, dass diese Probleme auch unsere Probleme sind. Um ihnen gerecht zu werden, bedarf es einer historisch informierten, differenzierten Analyse, wie sie dieses Buch vorlegt.

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