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Adel und Nationalsozialismus : Ausbrüche aus dem Bendlerblock

  • -Aktualisiert am

Maria Therese von Hammerstein, zweitälteste der Töchter, auf ihrem Motorrad, Anfang der Dreißigerjahre. Bild: Privatbesitz Gottfried Paasche

Vier junge Frauen aus preußischem Militäradel auf eigenen Wegen: Gottfried Paasche erzählt aus der Geschichte seiner Familie Hammerstein. Der Großvater zählte zu den Skeptikern und Gegnern Hitlers in der Reichswehrführung.

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          In einem Interview kurz vor ihrem Tod erzählt Traudl Junge, die sich 1942 im Alter von zweiundzwanzig Jahren erfolgreich als Hitlers Privatsekretärin beworben hatte, vom Moment, in dem ihre Selbstdeutung zerbrach. In München geht die Frau, die ihre Hitlerbegeisterung lebenslang mit dem Verweis auf ihre Jugend erklärt hatte, an einer Gedenktafel für Sophie Scholl vorüber. Um plötzlich zu realisieren, dass die fast gleichaltrige Studentin Scholl 1942 andere Entscheidungen getroffen hatte, als sich bei Hitler zu bewerben.

          „Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, woher das Sanfte und das Gute kommt, weiß es auch heute nicht und muß nun gehen“, heißt es bei Gottfried Benn. Im Clinch mit den oft grobschlächtigen Kategorisierungen, die einen Teil der Sozialgeschichte dominiert hatten, war Alf Lüdtke mit dem Konzept des „Eigensinns“ hervorgetreten, das sich zur Beschreibung von Individuen verwenden lässt, die sich anders verhalten als im Bauplan ihres Milieus vorgesehen. Der Begriff, nicht zuletzt in der Widerstandsforschung von Bedeutung, taucht auch im Titel auf, den Hans Magnus Enzensberger 2008 seiner schillernden Collage über den charismatischen Chef der deutschen Heeresleitung gab: „Hammerstein oder der Eigensinn“.

          Unter den bekannten Unbekannten, die 1933 im Arcanum der Herrenzimmergespräche die Machtübergabe verhandeln, ist Kurt Freiherr von Hammerstein eine der interessantesten Figuren geblieben. Im Kreis der mächtigsten Männer der Reichswehrführung gehörte Hammerstein zu den Skeptikern und Gegnern des Nationalsozialismus. Die kühle Verachtung des altadligen Gardeoffiziers für Hitler, die Erzählung vom 1933 erwogenen Putsch sind so bedeutsam wie die vielfachen Verbindungen, die der schnell kaltgestellte Generaloberst bis zu seinem Tod im April 1943 zu konservativen Hitler-Gegnern unterhielt.

          Helga und Hildur von Hammerstein.
          Helga und Hildur von Hammerstein. : Bild: Privatbesitz Gottfried Paasche

          Der Schwiegersohn des Generals, der 1920 an der Spitze des Kapp-Lüttwitz-Putsches stand, hatte sieben Kinder, unter denen die Söhne seit Langem durch ihre Nebenrollen im Umfeld des 20. Juli 1944 bekannt sind. Nun legt Gottfried Paasche, ein Enkel Hammersteins und emeritierter Professor für Soziologie an der York University in Toronto, eine in Jahrzehnten in mühevoller Kleinarbeit komponierte Erzählung über die Familie Hammerstein vor, die aus gutem Grund die vier Töchter ins Zentrum stellt.

          Was nüchtern und in der Form einer theoriefreien Familiengeschichte daherkommt, ist im Inhalt nicht nur für Leser sensationell, die mit den Standards des konservativen Milieus und des preußischen Militäradels vertraut sind. Der schillernde Selbstdenker Hammerstein fasziniert. Die in der Familie vertretene Spannbreite und das amphibische Leben, das seine Töchter zwischen inkompatiblen Milieus führen, können sogar noch größere Faszinationskraft ausüben. Von der väterlichen Dienstwohnung im Bendlerblock führten Wege in den Wandervogel, in Neuköllner Mietskasernen, Nacktkultur-Camps, zu Hochverrat und Widerstand, ins künstlerische, sozialistische, zionistische und kommunistische Milieu, in dem sich die Generalstöchter wie Fische, vielleicht ließe sich treffender sagen: wie Wale im Wasser bewegten.

          Hin und wieder wird mit Carl Schmitt diskutiert

          Ein Foto auf dem Buchcover zeigt die Mutter des Autors Anfang der Dreißigerjahre in spielerischer Pose auf ihrem Motorrad. Das Bild fängt eindrucksvoll die Ströme individueller Freiheit ein, die das Buch durchziehen. In der Buchmitte zeigt ein Foto einen Mann mit dem klingenden Namen Nafta Nobel, den jüdischen Freund einer der Töchter, der auf einem Pferd der Hammersteins 1932 durch den Tiergarten reitet. Kein geringerer als Kurt von Schleicher wird von den Eltern eingeschaltet, um die Verbindung mit dem jüdischen Medizinstudenten zu torpedieren, und später, um die Töchter, die hin und wieder in der Bendlerstraße mit Carl Schmitt diskutieren, vor dem Zugriff der Gestapo zu retten.

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