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Stefan Trinks: Antike und Avantgarde : Die Schlangenstola steht der Dame gut

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Den Bildhauern im mittelalterlichen Nordspanien stand ein antikes Modell ganz konkret vor Augen: der Orestes-Sarkophag, entstanden um 160 bis 170 nach Christus. Schon im zehnten Jahrhundert diente er im Kloster Santa María de Husillos als Grablege eines adeligen Stifters - folglich war er oberirdisch zugänglich. Im Kloster von Husillos fand 1088 ein Konzil statt, zu dem „alle kirchlichen und weltlichen Entscheidungsträger Nordspaniens“ anreisten. Es erschließt sich deshalb durchaus, warum der Sarkophag, von dessen überragender Qualität noch der Manierist Alonso Berruguete im sechzehnten Jahrhundert schwärmte, für die mittelalterlichen Künstler eine „unerschöpfliche Inspirationsquelle“ darstellen konnte.

Antikisierendes gegen den Islam

Kein Zufall also, dass die Schlangen, auf die Trinks im ersten Kapitel abhebt, im Orestes-Sarkophag ein zentrales Motiv bilden. Zwei Furien verfolgen den Muttermörder Orest auf dem Relief mit Schlangen, die sie ihm entgegenhalten. Auch die Motivgruppen des zweiten und dritten Abschnitts lassen sich direkt zum Sarkophag zurückverfolgen. Die weiteren Kapitel beschäftigen sich dagegen mit antikischen Motivgruppen, die ihre Vorbilder nicht in Husillos haben: Trinks interessieren dionysische Elemente wie Weinranken und ausgelassene Musikanten, metamorphische Formspiele und auffällige Stierköpfe. Für diese Beispiele kann der Autor zwar keine antiken Stücke als Vorbild benennen, man muss aber davon ausgehen, dass zahlreiche antike Werke nicht bis in unsere Zeit überdauert haben.

Wieso gab es gerade im Nordspanien des elften Jahrhunderts eine solch blühende Antikenrezeption? Trinks begründet die Avantgarde-Position dieser Region mit der arabischen Herrschaft über weite Teile der Iberischen Halbinsel. Um sich gegen die muslimischen Invasoren abzusetzen, denen man auch in Stil und Geschmack überlegen sein wollte, nutzte der christliche Norden Spaniens die „antikisch-figürliche Skulptur“. Die Antike als Epoche vor der Ankunft der Araber wurde zu einer Zeit, in die sich die Christen zurücksehnten; der Orestes-Sarkophag war ihre Ikone, die zwischen 1066 und 1096 unter den Bildhauern einen „ungeheuren Produktivitätsschub“ anregte. Ohne diesen „maßstabsetzenden Marmor-Stein des Anstoßes“ wäre die „Wiedergeburt derart plastischer, monumentaler Skulptur“ nicht oder nur mit erheblicher Verspätung denkbar gewesen.

Eine einzige Schwachstelle weist Trinks’ überzeugende und gründliche Arbeit auf: Es erschließt sich nicht, wieso er von einer „synästhetischen Antikenrezeption“ spricht. Zwar führt er aus, die „künstlerische Inbesitznahme der Antike“ sei im elften Jahrhundert „von Künstlerseite aus mit allen Sinnen“ erfolgt, um wiederum „alle fünf Sinne bei den Adressaten zu aktivieren“ - was das aber genau bedeuten soll, bleibt unklar. Es erschließt sich auch kaum, warum Trinks die ersten fünf Kapitel seiner Arbeit nach den Sinnen benannt hat. Dass in der „Synästhesie der Antike“ die „eigentliche Triebkraft des elften Jahrhunderts in Spanien“ liege, liest man in der Zusammenfassung daher eher mit einem Stirnrunzeln. Uneingeschränkt zustimmen kann man Trinks aber bei einer anderen Feststellung: Die stilistische Grenze, die angeblich zwischen der Kunst der Vorromanik und jener der Romanik besteht, ist künstlich. In der kontinuierlichen Antikenrezeption liegt die verbindende Linie.

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