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Stefan Smid: Der Spanische Erbfolgekrieg : Das Ballett der Mächte und Schlachten

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Wie die Dynastie der Bourbonen auf den spanischen Thron gelangte: Der Kieler Rechtswissenschaftler Stefan Smid widmet sich dem Spanischen Erbfolgekrieg, lässt aber im Getümmel der Bataillen Durchblick vermissen.

          Die Kabinettskriege des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts haben in der deutschen Historiographie wenig Freunde gefunden. Das ist kein Wunder, bieten doch die Kriegsverläufe mit ihrer ermüdenden Abfolge blutiger Schlachten, komplizierter Belagerungen und folgenloser Feldzüge kaum Anlass zu analytischer Brillanz. Andererseits wundert man sich schon, warum die Fachwissenschaft, zumal die des zwanzigsten Jahrhunderts, die Gelegenheit verstreichen ließ, das bis zum Ersten Weltkrieg (oder sogar noch bis zum Ende des Völkerbunds) bestehende europäische Staatensystem an seinem Ursprung zu betrachten.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn in den jahrzehntelangen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Spanien auf der einen, Habsburg, Preußen, England und Holland auf der anderen Seite wurde ein Gleichgewicht der Mächte geschmiedet, das weder durch Napoleon noch durch die nationalen Umwälzungen des neunzehnten Jahrhunderts ernsthaft erschüttert werden konnte. Erst mit dem Zusammenbruch der kriegführenden Mittelmächte im Winter 1918 zerfiel die kontinentale Balance, und Amerika trat als Garantiemacht und neuer Hegemon an die Stelle des Britischen Empire.

          Finanzierung frühneuzeitlicher Feldzüge

          Doch das Interesse der akademischen Zunft an solchen epochenübergreifenden Zusammenhängen scheint gering. Selbst im angelsächsischen Raum hat man das Thema großenteils den Militärhistorikern überlassen, deren eingeschränkter Blickwinkel zwangsläufig auch ebensolche Forschungsergebnisse produzierte. Schließlich gibt es noch die zweibändige, bereits in den dreißiger Jahren verfasste Biographie des Herzogs von Marlborough, des neben Prinz Eugen bedeutendsten Schlachtenlenkers der Barockzeit, aus der Feder seines Urgroßneffen Winston Churchill - bis heute ein Standardwerk erzählender Geschichtsschreibung.

          An dieses Vorbild möchte Stefan Smid mit seiner Studie über den Spanischen Erbfolgekrieg anknüpfen. Auch Smid ist kein Fachhistoriker, sondern Ziviljurist und Lehrstuhlinhaber an der Universität Kiel. Zu seinen Spezialgebieten gehören Insolvenzrecht und Kreditsicherheitsrecht. Das muss man nicht unbedingt wissen, aber es erklärt immerhin, warum das kurze Kapitel über die Finanzierung frühneuzeitlicher Feldzüge, das Smid der Schilderung des Kriegsausbruchs im Frühjahr 1701 voranstellt, in sprachlicher und sachlicher Hinsicht aus dem übrigen Text herausragt. Die auf indirekter Besteuerung fußenden Finanzsysteme Englands und der Niederlande waren dem französischen Modell der Steuereintreibung durch private Pächter so deutlich überlegen, dass die Seemächte aus dem zwölfjährigen Ringen mit ausgeglichenen Haushalten hervorgingen, während Frankreich bankrott war. Der Herzog von Saint-Simon hat in seinen Memoiren anschaulich die Kreditkrise am Versailler Hof geschildert, die den „Sonnenkönig“ zur Einführung immer absurderer Abgaben trieb.

          Gegenseitig mit Musketenkugeln und Bajonetten massakriert

          Bevor Smid aber zu den finanziellen Hintergründen der barocken Kriegsführung vordringt, entfaltet er auf hundertsechzig engbedruckten Seiten die Vorgeschichte des Konflikts, den er darstellen will. Und nach den Ausführungen zur Steuer- und Kontributionseintreibung folgen noch einmal dreihundert Seiten, auf denen sich Sätze finden wie dieser: „Die von dem bei Oudenaarde ausgezeichneten Generalmajor Phillip (sic!) Karl Graf von Lottum geführten Einheiten marschierten links von den in den Bois du Sars eingefallenen Einheiten Schulenburgs auf der Trouée d'Alnois in Richtung auf die ihnen gegenüberliegenden Redouten des französischen Zentrums vor, von denen sie beschossen wurden und schlimme Verluste hinnehmen mussten.“

          Solche Sätze und die aus ihnen erwachsenden Schlachtbeschreibungen sind das Problem dieses Buchs. Denn es ist eine Sache, Geschichte wie ein Wimmelbild auszumalen, und eine andere, sie erzählend gegenwärtig zu machen. Tatsächlich sind bei Malplaquet, Lille, Denain und an anderen Schauplätzen dieses großen europäischen Kriegs - mit Smid angesichts einiger bedeutungsloser Scharmützel in Indien und Nordamerika von einem „Weltkrieg“ zu sprechen, erscheint übertrieben - jeweils tausende Soldaten nach rechts oder links marschiert und haben sich dabei gegenseitig mit Musketenkugeln und Bajonetten massakriert. Interessant daran ist aber nicht die Frage, ob das im Bois du Sars oder an der Kleinen Gete geschah, sondern warum, beispielsweise, die alliierte Seite fast immer gewann.

          Das Gemetzel als eine Art Ballett

          Auch dazu kann man bei Saint-Simon manches Aufschlussreiche lesen. So mussten sich die französischen Marschälle die Gunst, auch in der kommenden Saison die Armee anführen zu dürfen, stets von neuem bei Hof erschmeicheln oder ertrotzen, während die alliierten Heerführer Marlborough und Prinz Eugen acht Jahre lang ein verlässliches Gespann bilden konnten. Dass auch dafür diplomatisches Geschick nötig war, deutet Smid zwar an, aber was er über die politischen Kräfte im Londoner Unterhaus und in der Umgebung der englischen Königin Anne mitteilt, hat Winston Churchill durchweg einleuchtender geschildert. Auch über die Gemengelage im Wiener Hofkriegsrat erfährt man bei Smid viel zu wenig.

          Die Besonderheiten der klassischen Linientaktik, bei der das Salvenfeuer aus den Vorderladern im Lauf des Gefechts immer ungenauer und zuletzt wirkungslos wurde, arbeitet Smid ebenfalls nicht klar heraus. Marlborough etwa war ein Meister darin, die Mängel der barocken Waffentechnik für seine Zwecke zu nutzen. Oft gelang es ihm, seine Bataillone mitten im Gefecht so umzugruppieren, dass er mit frischen Truppen angreifen konnte, während die Franzosen mit erschöpften Einheiten kämpften, ohne ihre Reserven einsetzen zu können. Das Gemetzel der Rot- und Blauröcke war eben auch eine Art Ballett, bei dem die bessere Choreographie den Sieg davontrug.

          Der längste und teuerste aller Kabinettskriege

          Der Spanische Erbfolgekrieg entsprang einem inneren Widerspruch in der Politik der europäischen Dynastien. Um ihre Ansprüche abzusichern, heirateten die großen Häuser untereinander; zugleich führten die wechselseitigen Verschwägerungen zu langwierigen Erbstreitigkeiten. Als der spanische König Karl II. im Jahr 1700 kinderlos starb, gab es zwei Anwärter auf seinen Thron, einen französischen und einen habsburgischen. Die Aufteilung des Erbes, die sich bei Kriegsbeginn abgezeichnet hatte, wurde von Paris und Wien hintertrieben, erst die finanzielle Erschöpfung zwang die Gegner an den Verhandlungstisch. Der wahre Gewinner des zwölfjährigen Ringens war England, das mit der Eroberung Gibraltars seine Seeherrschaft im Mittelmeer begründete. Die Niederlande wurden mit einigen flandrischen Festungen abgefunden, die sie schon bald wieder verloren.

          Eine Gesamtdarstellung dieses längsten und teuersten aller Kabinettskriege hätte das Netz aus Bündnissen, Verwandtschaften, brüchigen und stabilen Legitimitäten beleuchten müssen, das die europäische Staatenwelt am Ausgang des siebzehnten Jahrhunderts überzog. Smid dagegen beschränkt sich darauf, aus dem Tohuwabohu der Schlachten und Belagerungen gelegentlich in die beteiligten Hauptstädte herüberzuschwenken. Im Knattern seiner Zahlen- und Namenssalven verflüchtigt sich das Panorama der Vergangenheit, der „Krieg der Maulwürfe“, der Festungsbauer, Mineure und Fourageure mündet in die Maulwurfsarbeit des Lesens.

          Unlektoriert in Druck gegangen

          Der gewichtigste Einwand gegen dieses Buch ist seine sprachliche Form. Smids Manuskript ist offensichtlich unlektoriert in Druck gegangen. Anders lassen sich die Fehlschreibungen, verstümmelten Sätze und falschen Anglizismen, von denen der Text wimmelt, nicht erklären. Dass ein renommierter Verlag wie Böhlau ein solches Projekt ohne Korrekturen auf den Markt wirft, ist nicht dem ökonomischen Druck geschuldet, der auf der Branche lastet, sondern pure Schlamperei. Von der französischen Kavallerie im Feldzug von 1706 heißt es bei Smid, sie sei „mangelhaft ausgerüstet und vor allem schlecht equipiert“ gewesen. Das gilt auch für diesen Band.

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