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Buch über Gärten von Babylon : Das Beet muss an die Wand

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Mehr als zweihundert Pflanzenarten: Patrick Blancs „Oasis d`Aboukir“ im zweiten Arrondissement von Paris Bild: Frank Maier-Solgk

Aufbäumen gegen den Klimakollaps: Stefan Schweizer streift durch die Rezeptionsgeschichte der Hängenden Gärten von Babylon.

          3 Min.

          Was hat ein Garten auf einem Mauerwerk zu suchen? Für den römischen Gelehrten Seneca war es geradezu skandalös, contra naturam, wie Männer, die in Frauenkleidern herumstolzieren: „Leben nicht jene naturwidrig, die auf den Spitzen von Türmen Obstgärten anlegen? Bei denen sich Wälder auf Hausdächern und Firsten hin und her neigen, wo Wurzeln in einer Höhe sprießen, wohin man selbst Baumgipfel nur in vermessener Selbstüberschätzung hätte wachsen lassen?“

          Was in der Antike als eitles Blendwerk galt, gehört heute zum Standardprogramm grüner Architektur. Die neue Generation der Wolkenkratzer in Asien macht es vor: Statt spiegelglatter Oberflächen dominiert ein wildwucherndes Erscheinungsbild, wie etwa beim Büro WOHA aus Singapur, dessen Hochhäuser unter Pflanzen beinahe zu verschwinden drohen. Oder der „Bosco Verticale“ von Stefano Boeri: Der Architekt hat 2014 in Mailand bewaldete Zwillingstürme in die Höhe ziehen lassen und kürzlich eine „Smart Forest City“ für Mexico entworfen.

          Phantastischer Sehnsuchtsort

          Kein Rückbau der Zivilisation ohne vertikale Wälder, begrünte Dächer und hängende Gärten also. Aber die Idee, Wände in Beete und Häuser in Flanierparks zu verwandeln, ist natürlich älter als das aktuelle Aufbäumen gegen den drohenden Klimakollaps. Alles begann mit einem antiken Weltwunder, das auch Seneca im Hinterkopf gespukt haben dürfte, als er seine Kritik äußerte: Der Sage nach ließ die babylonische Königin Semiramis erstmals terrassierte Gärten bauen. Ihre Wirkung mitten in der Wüste befeuerte die Phantasie der Zeitgenossen derart, dass es nicht lange dauerte, bis sie zum Mythos der sieben Weltwunder dazugerechnet wurden. Die Faszination eines scheinbar schwebenden Bauwerks mit angeschlossener Grünoase hat über Jahrhunderte nicht nachgelassen, auch wenn seine Existenz bis heute nicht eindeutig bewiesen ist.

          Sowohl die italienische Renaissance-Elite, von Pius II. in Pienza bis zu Federico da Montefeltro in Urbino, als auch eine Katharina die Große mit ihren Hängenden Gärten in der Sankt Petersburger Eremitage, setzten in der Baupraxis um, was erst dank der archäologischen Wiederentdeckung Babylons um 1900 mit den möglichen Originalen verglichen werden konnte. Warum die Hängenden Gärten als phantastischer Sehnsuchtsort sogar in dem weiten Feld der Popkultur fortleben und zur Blaupause der heutigen „Hortitecture“ aufsteigen konnten, das zu erzählen hat sich Stefan Schweizer in seinem Buch vorgenommen.

          Stefan Schweizer: „Die Hängenden Gärten von Babylon“. Vom Weltwunder zur grünen Architektur. Wagenbach Verlag, Berlin 2020. 240 S., Abb., br., 28,– €.
          Stefan Schweizer: „Die Hängenden Gärten von Babylon“. Vom Weltwunder zur grünen Architektur. Wagenbach Verlag, Berlin 2020. 240 S., Abb., br., 28,– €. : Bild: Wagenbach Verlag

          Als einer der Herausgeber der Zeitschrift „Die Gartenkunst“, wissenschaftlicher Vorstand der Stiftung Schloss und Park Benrath und Leiter des dortigen Museums für Gartenkunst ist er nicht nur Experte auf dem Gebiet der gepflegten Landschaftsgestaltung. Er ist auch ein begnadeter Maulwurf, wenn es darum geht, möglichst viele Verzweigungen der mitunter auch zweifelhaften Überlieferung aufzuspüren. Folgt man den anschwellenden Wissensströmen, erfährt man etwa, dass Semiramis bereits in mittelalterlichen Heilspiegeln eine Wandlung von der in der Antike als sittenlos charakterisierten Herrscherin zur Präfiguration Mariens durchmachte.

          Der Universalgelehrte Athanasius Kircher sah in ihr in seinem Werk über den Turmbau zu Babel von 1679 gar die Erfinderin der Pyramide und verwendete für die Darstellung der Hängenden Gärten einen Stich Alessandro Francinis, mit dem dieser eigentlich den königlichen Garten am Château-Neuf de Saint-Germain-en-Laye illustrieren wollte. Offenbar erschien es Kircher wichtiger, einen Katalog von architektonischen Archetypen herzustellen, als auf historische Korrektheit zu setzen. „Auch nach 1700 wurde das von Kircher in die Welt gesetzte Bild der Hängenden Gärten als authentisches Modell betrachtet“, schreibt der Autor. Was ihn natürlich dazu anstiftet, das Netz aus Projektionen, die über Enzyklopädien oder Gartentraktate weitergereicht wurden, mit Genuss aufzufächern. Bis zum kuriosen Transfer nach China.

          Ein Labyrinth der Seitenwege

          Der flämische Missionar Ferdinand Verbiest fertigte 1674 in Peking eine Weltkarte samt Illustrationen an, die den chinesischen Betrachtern Europa näherbringen sollte. Die Babylon-Darstellung schoss dabei etwas übers Ziel hinaus: Die Berglandschaft mit Flusstal, Brücke und einem begrünten Bastionswall ähnelte verdächtig den typisch asiatischen Vorstellungen einer idealen Grünanlage. Weniger abschweifend näherte sich Karl Friedrich Schinkel dem Bauwerk in seinen Dioramen, die 1814 in Wilhelm Gropius’ Mechanischem Theater ausgestellt waren.

          Auf den erhaltenen Skizzen rekonstruiert Schinkel, auf dessen Konto der Entwurf eines Hängenden Gartens für Schloss Orianda auf der Krim ging, gewissenhaft die Unterbauten mit der Bepflanzung in Untersicht. Auch wenn man sich bei der Fülle des ausgebreiteten Materials in einem Labyrinth der verlässlich sich weiter verzweigenden Seitenwege wähnt, das dem Leser Ausdauer abverlangt, überwiegt das Staunen über die Mobilität einer Erzählung, auch mit Blick auf die sorgfältig ausgesuchten Abbildungen. Unter den aufgerufenen Zeugnissen fehlen nicht Exkursionen zu den Spuren bei Giuseppe Verdi, Edgar Degas, Karl May oder Stefan George, von dem der Gedicht-Zyklus „Das Buch der hängenden Gärten“ stammt.

          Über den Siegeszug des Flachdachs gelingt der Sprung in die Moderne, flankiert im Finale vom Siegeszug der green architecture und ihren jüngsten Beispielen auch hierzulande, etwa den Düsseldorfer Kö-Bögen II, die sowohl auf dem Dach als auch auf Nord- und Westseite mit einer acht Kilometer langen Hainbuchenhecke begrünt sein werden. Wie Frank Maier-Solgk schreibt, der das letzte Kapitel des Buchs über die Übergänge zur zeitgenössischen Hortitecture beigesteuert hat, ist das eines der Beispiele, „bei denen als Vision die Idee einer neuen pastoralen Urbanität die alte Idee des exklusiven Weltwunders ersetzt hat“.

          Stefan Schweizer: „Die Hängenden Gärten von Babylon“. Vom Weltwunder zur grünen Architektur. Wagenbach Verlag, Berlin 2020. 240 S., Abb., br., 28,– €.

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