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Stefan Lukschy: Der Glückliche schlägt keine Hunde : Und dann machen wir es uns gemütlich

  • -Aktualisiert am

Bild: Aufbau Verlag

Loriots akribische Lebensgeschichten: Seinem langjährigen Mitstreiter Stefan Lukschy gelingt es, die Erinnerung an einen großen Komiker wachzuhalten.

          Wie über Loriot schreiben, ohne der Versuchung zu erliegen, sich seines unnachahmlichen Stils zu bedienen? Das Buch von Stefan Lukschy, langjähriger enger Mitarbeiter und Loriot in mehr als drei Jahrzehnten freundschaftlich verbunden, enthält einen Werkstattbericht und entgeht somit wohltuend den Versuchungen der Hagiographie. Der sorgfältige Bericht lässt das uns liebgewordene Personal, das sich in den allgemeinen Kalamitäten und Skurrilitäten des bürgerlichen Lebens verheddert, noch einmal lebendig werden, diesmal hinter der Kamera eingefangen und bis ins kleinste Detail in Szene gesetzt. Lukschy entwirft in einem warmherzigen Porträt das Bild eines akribisch arbeitenden Perfektionisten, der auf nichts so viel Wert gelegt hat wie auf die minutiöse Vorbereitung seiner Figuren.

          Das Buch vermeidet bis auf wenige verzeihliche Passagen, in denen sich die Bewunderung Bahn bricht, jede Huldigung, allerdings hat die respektvolle Distanziertheit des Autors auch ihren Preis. Lukschy bleibt gegenüber den weichenstellenden Motiven und lebensgeschichtlichen Voraussetzungen für Loriots Wende zum Komischen vergleichsweise diskret. Die zum nationalen Zitatenschatz aufgerückten Dialoge oder auch die meisterhaft persiflierte Polit- und Fernsehprominenz der siebziger und achtziger Jahre, sie hinterlassen das Rätsel der breiten Zustimmung, dem schon Odo Marquard in einer Rede 1995 zur Verleihung des Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor nachspürte: Wie entsteht angesichts der den Deutschen nachgesagten Humorlosigkeit geradezu eine Liebe zu seiner Ironie?

          Ein waches Auge für bürgerliche Befindlichkeiten

          Und biographisch gewendet, wie entsteht Loriots seismographische Sensibilität für das rhetorisch Gestelzte, für die gespreizte Statusprätention, die in seinen Figuren - als sei er bei Max Weber zur Schule gegangen - zu Idealtypen verunglückter Selbstdarstellung stilisiert werden? Nicht ohne Grund wurde ihm in Frankfurt 2010 die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Soziologie verliehen.

          Wie lässt sich seine Soziologie der Entgleisungen im historischen Raum der allmählich zu Status und Ansehen gelangenden Bundesrepublik interpretieren - einer Gesellschaft, die den Taumel eines uniformierten Heroismus hinter sich gelassen hatte und noch dabei war, in den steifen Konventionen eines neu erwachten bürgerlichen Lebens einen Halt zu suchen? Zwei Ausgangssituationen haben die Phänomenologie des deutschen Alltagslebens ermöglicht: Loriots Herkunft sowie eine frühe lebensgeschichtliche Erfahrung. Vico von Bülow entstammte einer preußischen Adelsfamilie. Seine Herkunft macht ihn im Nachkriegsdeutschland kulturell heimatlos - eine Situation, die schon dem Vater berufliche Kompromisse abgenötigt hatte -, setzt ihn frei von der milieutypischen Verpflichtung, die eigene Lebensplanung in einer standesgemäßen Karriere zu verorten. Man staunt über die unbekümmerte Empfehlung des Vaters, Vico möge sich doch mal in Zeichnen versuchen. Also kein Insistieren auf irgendeine Form der Statuskontinuität versprechenden Karriere.

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