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Stefan Kroll: Normgenese durch Re-Interpretation : Von der Überlegenheit der Ausländer lernen

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Die letzten Einträge im Tagebuch des Staats- und Völkerrechtlers Johann Caspar Bluntschli galten der Rezeption seines Werkes in fernen Weltregionen. Erfreut berichtet er am 24. Juni 1881, wenige Monate vor seinem Tod, von einer Büchersendung aus Japan: Ein ehemaliger Student, „der Japanese Hirata“, hatte den ersten Teil seines Staatsrechts „mit großem Fleiss in’s Japanische übersetzt“. Drei Tage zuvor hatte der in der Schweiz geborene Heidelberger Gelehrte Besuch von einem amerikanischen Missionar bekommen, der ihm persönlich sein „Modernes Völkerrecht der Civilisirten Staten“ überreichte, „in chinesischer Sprache und Schrift gut gedruckt“.

          Der Amerikaner W. A. P. Martin, 1827 geboren, war seit 1850 als Missionar in China tätig und hatte nebenbei als Dolmetscher im Dienste amerikanischer Regierungsdelegationen Erfahrungen mit völkerrechtlichen Texten gesammelt. 1869 wurde er Leiter der Sprach- und Übersetzungsschule Tongwenguan in Beijing, die 1861 im Zuge der chinesischen „Reform- und Selbststärkungsbewegung“ gegründet“ worden war - einer Restaurationsbewegung, die die chinesische Entwicklung in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts prägte. Um sich gegen den Einfluss des Westens behaupten zu können, sollten die Chinesen durch die Orientierung an international gültigen Wissensstandards die eigene Entwicklung vorantreiben, ohne sich dabei jedoch den Ausländern dauerhaft anzugleichen.

          Studium der westlichen Handelspartner

          China erlebte das neunzehnte Jahrhundert als Krise. Unruhen im Innern und fünf verlorene Kriege gegen westliche Mächte und Japan brachten das Imperium in eine Bedrängnis, die mit tradierter chinesischer Staatskunst nicht zu bewältigen war. Ein System ungleicher Verträge, das die ausländischen Vertragspartner Chinas durch Meistbegünstigungsklauseln privilegierte, verfestigte die asymmetrischen Machtverhältnisse in den Beziehungen des Kaiserreichs zum Rest der Welt. Um chinesische Interessen dem Westen gegenüber durchsetzen zu können, studierten die kaiserlichen Beamten zunächst genau das Verhalten ihrer westlichen Handelspartner - und deren Wissenschaften, in denen man den Grund für die Überlegenheit der Ausländer vermutete.

          Als Büro zur Wahrnehmung außenpolitischer Aufgaben wurde das Außenamt Zongli Yamen gegründet, in der Sprach- und Übersetzungsschule Tongwenguan wurde eine Fremdsprachenelite ausgebildet. Im Zuge der Übersetzung strategisch relevanter fremdsprachiger Texte wurden hier auch völkerrechtliche Texte übersetzt. Es begann ein Völkerrechtstransfer, der die Einbindung Chinas in das europäische Völkerrecht nach sich zog - und zugleich die Universalisierung des Völkerrechts, die „Enteuropäisierung“ der Völkerrechtswissenschaft.

          Rechtsforschung mit soziologischem Interesse

          Der Soziologe Stefan Kroll hat diese Eingliederung Chinas in das europäische Völkerrecht als Teil globaler Prozesse des Ideentransfers untersucht. Auf der Grundlage rechtshistorischer Quellen beschreibt und analysiert er die Übersetzung und Re-Interpretation des europäischen Völkerrechts in China zwischen 1839 und 1945. Dabei zeigt sich, „dass für die Genese weltgesellschaftlicher Strukturen im neunzehnten Jahrhundert eine Dynamik der Gleichzeitigkeit von globaler Institutionalisierung und lokaler Re-Interpretation kennzeichnend ist“.

          Krolls Studie ist ein Musterbeispiel disziplinenverbindender Rechtsforschung, ohne dabei zu verleugnen, dass sein zentrales Erkenntnisinteresse ein soziologisches ist. Wie wird aus einer zunächst regionalen normativen Ordnung ein globales Modell? Wie verhalten sich globale und lokale Wirkungszusammenhänge? Bei seiner Arbeit mit chinesischen Originalquellen knüpft Kroll an die philologischen Studien des norwegischen Sinologen Rune Svarverud an, der sich mit der Geschichte der Völkerrechtsübersetzungen bis 1911 beschäftigt hat - einer „Erstaneignungsphase“, die Kroll als Teil eines komplexeren Ideentransfers vorstellt.

          Das Völkerrecht wurde in dieser Phase strategisch verwendet, zur Abwehr externer Einflüsse. Ausländische Experten prägten den Rezeptionsprozess: Martin übersetzte neben Bluntschlis „Völkerrecht der Civilisirten Staten“ auch Henry Wheatons „Elements of International Law“ und eine Reihe weiterer zeitgenössischer Standardwerke, die so den chinesischen Beamten zugänglich gemacht wurden. Eine profunde Norminternalisierung sei damit indes nicht einhergegangen, so Kroll. „Ohne das Völkerrecht als normative Ordnung internationaler Beziehungen anzuerkennen, wurde es in den internationalen Beziehungen angewendet.“ Zugleich wurde das Völkerrecht Teil des chinesischen Elitendiskurses.

          Den entscheidenden Schub erhielt die chinesische Völkerrechtswissenschaft aber durch die Studenten, die von 1896 an zu Zehntausenden ins Ausland entsandt wurden. Chinas Völkerrechtler nahmen insbesondere Impulse aus Japan auf, ohne indes dessen Expansionsbestrebungen zu kopieren. Im Gegenteil: Hauptgegenstand der chinesischen Völkerrechtswissenschaft wurde die kritische Auseinandersetzung mit dem europäisch-amerikanisch-japanischen Expansionismus, der in einer Vielzahl ungleicher Verträge seinen Ausdruck gefunden hatte - und sich nun an lokal ausformulierten globalen Legitimitätsstandards messen lassen musste. „Die chinesischen Völkerrechtler konzipierten kein Gegenvölkerrecht, sondern argumentierten innerhalb des normativen Rahmens, den das Völkerrecht bot, und strebten nach eigenen Interpretationen innerhalb dieses Rahmens.“ 

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