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Stefan Austs Autobiographie : Zweifel? Kennt er nicht, hat er nicht

Stefan Aust als Moderator des Fernsehmagazins Spiegel TV Bild: Picture Alliance

Immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Stefan Aust erzählt in seiner Autobiographie viel von der jüngsten Vergangenheit und wenig von sich selbst.

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          Das Erstaunlichste an diesem Text, den doch ein Journalist und Filmemacher verfasst hat, ist der Umstand, dass er 577 Seiten braucht, bis er zum ersten Mal eine Meinung hat. Und dass der Autor schreibt, er habe sich danach weder gesehnt noch gedrängt, er habe es sich bis dahin geradezu versagt, eine Meinung zu haben oder jedenfalls zu formulieren und in einer hohen Auflage zu veröffentlichen. Jetzt ist er aber Herausgeber der Tageszeitung Die Welt und der Welt am Sonntag, jetzt gehören Sinnstiftung und Meinungsproduktion zu seinen Aufgaben. Und auf den Seiten, die dann noch folgen, demonstriert Stefan Aust, dass das Anfertigen und womöglich sogar das Begründen von Meinungen auch nie das größte seiner Talente war. Wenn er, nur zum Beispiel, den Kindern, die freitags die Schule schwänzen, entgegenhält, dass das Klima sich doch immer gewandelt habe, ist das eher schlicht als originell gedacht.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Links, schreibt Aust gleich am Anfang, sei er nie gewesen, was, auf den ersten Blick jedenfalls, eine erstaunliche Selbstbeschreibung istfür einen Mann, der in den Sechzigern beim linken Magazin Konkret gearbeitet hat, der Ulrike Meinhofs Kolumnen gegenlas, mit Rudi Dutschke nach Prag fuhr und den von der Polizei gesuchten Studentenführer Karl Heinz Roth in seiner Wohnung versteckte. Und manchmal, wenn er von der Studentenrevolte erzählt und von „den Genossen“ so schreibt, wie man das nur tut, wenn man sich selbst als Genosse begreift, manchmal klingt der Text (wohl gegen die Intention des Autors), als wäre Aust den rebellierenden Studenten näher gewesen, als er sich das heute eingestehen mag. Aber dass er, der Journalist, der Beobachter und Beschreiber, in diesem Milieu vor allem die interessanteren Köpfe, die besseren Geschichten und nicht zuletzt das aufregendere Leben suchte und fand, glaubt man ihm sofort. Und dass er für die Diktatur des Proletariats nie etwas übrig hatte, auch.

          Sympathy for the Devil

          „Du kennst das ja: ein bißchen Freiheit, Star-Club, Coca-Cola, frische Luft, am besten morgens, wenn das Gras noch vom Tau naß ist, dann einen Gaul zwischen den Schenkeln, Geschwindigkeit und Wind und Regen. Jede Menge Lärm, Beat-Musik, ein wenig Duft der großen weiten Welt . . .“ Dieses Zitat, aus einem Brief des zwanzigjährigen Aust an seine damalige Freundin, ist dessen einziges Bekenntnis zu subjektiven Wünschen und Leidenschaften, wenn man von ein paar beinahe zärtlichen Passagen über Pferde, die ihm mehr als ein Hobby sind, absieht. Sonst aber fühlt Aust nicht und meint auch nicht. Er ist dabei, er schaut zu, er beschreibt. Und dass diese nüchternen Protokolle des Geschehens oft einen großen Zauber haben, ist nicht nur eine der Stärken dieses Buchs. Es liegt am womöglich größten Talent von Stefan Aust, dem Talent, dabei zu sein, wenn etwas passiert.

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