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Stanley Cavell: Cities of Words : Die zweite Hochzeit ist die richtige

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Bild: Verlag

Vom richtigen Streiten: Der Philosoph Stanley Cavell weiß Hollywoodkomödien recht weitreichende Maximen für unsere Lebensführung abzugewinnen.

          4 Min.

          Stanley Cavell sieht Paaren gerne beim Streiten zu. Natürlich nicht irgendwelchen Paaren, am liebsten Cary Grant und Katharine Hepburn, die in den amerikanischen Komödien der dreißiger Jahre eine Wortsalve nach der anderen abfeuern. In Filmen wie „Die Nacht vor der Hochzeit“, „Ehekrieg“ oder „Die schreckliche Wahrheit“ geht es um Paare, die sich infolge einer Krise oder eines Seitensprungs trennen, häufig sogar die Scheidung einreichen, dann aber doch nicht voneinander lassen können. Da werden Golfschläger zerbrochen, Autos demoliert und Gerichtsverhandlungen um den gemeinsamen Hund geführt. Vor allem aber wird in einem höllischen Tempo diskutiert, debattiert und gestritten. Bis die beiden am Ende aller dieser Filme schließlich wieder zueinander finden.

          Wann immer er konnte, begab sich der 1926 geborene Cavell in das Dunkel des Kinos, um die Streitenden zu beobachten. Irgendwann schien ihm, da war er schon Philosophieprofessor in Harvard, seine Obsession selbst nicht mehr ganz geheuer gewesen zu sein. Und er hatte das unbestimmte Gefühl, dass sie irgendwie mit moralischen Überlegungen zu tun haben müsse. Doch als er versuchte, die bedeutendsten philosophischen Moraltheorien, von Kant bis zu den Utilitaristen, mit den Leben der Menschen in den Filmen zusammenzubringen, da gingen sie, wie er sagt, „wortlos aneinander vorbei, sie hatten offenbar nichts miteinander zu tun.“

          Das Erlöschen der Worte

          Warum diese Filme dann doch etwas mit Moral zu tun haben – auch darum geht es in Cavells großem Alterswerk. Und es ist ein Glück, dass es nun endlich auf Deutsch erscheint, denn Cavell gelingt es hier besser als in allen seinen anderen Büchern, seine Anliegen verständlich zu machen. Auch deswegen eignet es sich besonders gut als Einstieg in seine Gedankenwelten. Was jedoch nicht bedeutet, dass es sich hierbei um leichte Kost handelt. Es ist schon ein ziemlich steiler Weg, auf dem der Leser hier von der Ehe über die Sprachphilosophie bis zu Betrachtungen über das Wesen der Demokratie geführt wird. Und wie immer zeigt sich Cavell bereit, in über viele Zeilen mäandernden Sätzen auch den wildesten Assoziation und Verbindungslinien zu folgen. Doch wer sich darauf einlässt, wird belohnt.

          „Cities of Words“ heißt der fünfhundert Seiten starke Band auch im Deutschen. Natürlich fragt man sich, wie sie wohl aussehen mögen, diese Städte, alleine aus Worten gebaut. In ihrem Vorwort münzt die Übersetzerin Maria-Sybilla Lotter den Titel des Buches in „Gesprächsgemeinschaften“ um. Das klingt zwar viel profaner, trifft aber Cavells Anliegen gar nicht schlecht. Denn um Gemeinschaft geht es ihm und um das Gespräch, durch das sie möglich wird.

          Überhaupt wirkt es so, als gäbe es für Cavell nichts schlimmeres als das Abbrechen eines Gesprächs, das Erlöschen der Worte. So ist für ihn auch das Entscheidende an den Filmkomödien, dass die Paare ein Gespräch aufrecht erhalten. Zwar hat es die Form eines Streits angenommen, dennoch machen die beiden weiterhin ihr Interesse aneinander deutlich. Den Streitenden geht es darum, etwas im anderen zu bewegen und dabei zeigen sie auch die Bereitschaft, selbst bewegt zu werden. Erst dieses Gespräch, geführt zwischen Freunden, ermöglicht schließlich die erneute Heirat. Und weil jeder dieser Filme auf irgendeine Weise mit einer zweiten Hochzeit endet, spricht Cavell auch von den Wiederverheiratungskomödien.

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