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: Stammtisch im "Ewigen Frieden"

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Seine berühmte Schrift zum ewigen Frieden leitet Immanuel Kant mit dem Hinweis auf ein Gasthaus ein, das diesen Namen führt und dessen Schild einen Kirchhof zeigt. Etwas Galgenhumor braucht durchaus, wer sich mit der großen Frage beschäftigt, warum die Menschen Krieg führen, obwohl sie es doch leichter hätten, wenn sie friedlich blieben.

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          Seine berühmte Schrift zum ewigen Frieden leitet Immanuel Kant mit dem Hinweis auf ein Gasthaus ein, das diesen Namen führt und dessen Schild einen Kirchhof zeigt. Etwas Galgenhumor braucht durchaus, wer sich mit der großen Frage beschäftigt, warum die Menschen Krieg führen, obwohl sie es doch leichter hätten, wenn sie friedlich blieben. Große Fragen haben es mitunter an sich, daß sie nur an Stammtischen restlos beantwortet werden: Man müsse nur die Grenzen anders ziehen oder sie abschaffen, den Status quo einfrieren oder verändern, diese oder jene Menschen fortbringen oder ähnliches, schon habe man den schönsten Frieden. Leider ist das nichts als Humbug, noch dazu oft ein gefährlicher Humbug.

          Warum Krieg ist, wenn Frieden sein könnte, kriegen wir in vielen Fällen heraus, wenn auch mühevoll und leider nur im nachhinein. Ob und wie man den Krieg abschaffen kann, wissen wir nicht. Die Kriegsbereitschaft der Menschen existiert, seit es eine menschliche Geschichte gibt. Aber daraus folgt selbstverständlich nicht zwingend, daß sie bis zum Ende der Geschichte weiterexistieren wird.

          Gegen den Krieg sind eigentlich alle und für den Frieden auch. Dennoch gibt es immer wieder neue Ausbrüche organisierter physischer Gewalt. Das Thema hat gegenwärtig an Bedeutung gewonnen, weil die Zerstörungskraft der Waffen enorm angewachsen und genau wie viele andere Phänomene unseres Lebens dabei ist, sich zu globalisieren. Es wird also immer wichtiger, die Bedingungen zu erkunden, unter denen man Frieden schaffen oder Eskalationen verhindern kann. Diese Erkundung ist schwierig, weil dabei so viele unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen sind. Im Fachjargon der Wissenschaftler gibt es dafür das Wort "interdisziplinär". Die Ergebnisse dieser Forschungen sind manchmal so kompliziert formuliert, daß es sich anbietet, sie für die Öffentlichkeit oder, wie hier, für jugendliche Leser, ins Allgemeinverständliche zu übersetzen. Das ist gar nicht so einfach. Gerhard Staguhn hat sich in diesem Geschäft als Wissenschaftsjournalist bewährt und eine Reihe von gut lesbaren Sachbüchern über naturwissenschaftliche Forschungen veröffentlicht.

          Wenn ihm nun die Klärung der Frage, warum die Menschen keinen Frieden halten, nicht geglückt ist, liegt das in erster Linie daran, daß bei geistes- und sozialwissenschaftlichen, noch dazu politisch brisanten Themen der nötige kühle Ton distanzierter Analyse so schwer zu treffen ist. Staguhn versucht dies zwar in den Eingangskapiteln über die "natürlichen" Grundlagen menschlicher Gewaltbereitschaft und über die Rolle von Ideologie und Religion als Treibsätze für Kriege. Aber dabei kommt ein ziemlich widersprüchliches Durcheinander heraus.

          Da ist von "im Menschen schlummernden Mordinstinkten" die Rede, von der Notwendigkeit, sich Tötungshemmung über kulturelle Normen und Werte zu erwerben, von der unguten Verbindung von Jagdtrieb und Intelligenz und dergleichen mehr. Weil die Eskimos keinen "Krieg als organisiertes gegenseitiges Abschlachten" kennen, wird gefolgert, Krieg sei nichts allgemein Menschliches. Ein bißchen Anthropologie und Ethnologie, ein bißchen politische Philosophie, eine Hommage an die Schwertkunst der Samurai, ein bißchen Religionskritik - das alles zusammengequirlt ergibt nur ein breiiges Fundament für die historischen Kapitel.

          Die beschäftigen sich mit dem Dreißigjährigen Krieg, den Kolonialkriegen des neunzehnten Jahrhunderts (aber nicht den Entkolonialisierungskriegen des zwanzigsten), den beiden Weltkriegen und dem Terrorismus der Gegenwart. Hier gelingen dem Autor zwar manchmal eindrucksvolle Beschreibungen der Kriegsschrecken. Aber einordnen in ein größeres Bild von der Entwicklung des Krieges und dessen Formen kann er sie nicht. Die Lektüre des Buches läuft auf eine verwirrte Einvernehmlichkeit zwischen Autor und Leser hinaus, auf ein Stammtischrezept: Friede ließe sich im Grunde ganz einfach erreichen, nämlich durch die Anerkennung, daß andere Menschen anders sind. Mit derlei "Weisheiten" wird die Komplexität des Sachverhalts weit über Gebühr reduziert.

          WILFRIED VON BREDOW

          Gerhard Staguhn: "Warum die Menschen keinen Frieden halten". Eine Geschichte des Krieges. Carl Hanser Verlag, München 2006. 257 S., geb., 16,90 [Euro]. Ab 14 J.

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