https://www.faz.net/-gr3-9fqt2

Städtebau im Ruhrgebiet : Schluss mit den alten Vorurteilen!

Ein Blick auf die unscheinbaren Qualitäten urbaner Architektur: Kaiser-Wilhelm-Straße in Duisburg-Marxloh, fotografiert 2014 Bild: Matthias Koch

Viel besser als man glaubt: Ein Dortmunder Forschungsprojekt untersucht den Städtebau im Ruhrgebiet. Seine Ergebnisse widersprechen alten Überzeugungen und lassen vom Imageproblem der Gegend wenig übrig.

          Das Imageproblem des Ruhrgebiets ist auch ein Wahrnehmungsproblem. Innen- und Außensicht fallen auseinander. Während sich das Revier, im Spätherbst von Kohle und Stahl, vielfach erneuert hat, grün und stellenweise bunt geworden ist, wird es aus der Ferne weiter als graue, von der Schwerindustrie geschundene Region fixiert. Mit der Wertschätzung verhält es sich entsprechend: Zwar leben 84 Prozent der Einwohner gern hier (bei den unter Dreißigjährigen sind es 89 Prozent), doch belegen die Städte in den Rankings die hinteren Plätze. Eine deutsche Version von „Willkommen bei den Sch’tis“ fände hier Stoff und Schauplatz: Der Postbeamte Franz Xaver würde von Starnberg nach Wanne-Eickel (straf)versetzt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die (alten) Vorurteile sind mächtiger als die (neue) Wirklichkeit. Die Städte gelten als wildwüchsig, unfertig, rauh und von geringer Lebensqualität. Die in diesem Buch gebündelten Forschungsergebnisse widersprechen und zeichnen ein anderes Bild. Der gängigen Auffassung, der Wiederaufbau der Nachkriegszeit sei den angesagten Leitbildern der gegliederten, aufgelockerten Stadt gefolgt und habe andere, von der Industrie geprägte Siedlungsmuster ausgebildet, setzen sie Beispiele von gemischt genutzten Quartieren mit Straßen, Plätzen und Blockrändern entgegen: „Städtebau der Normalität“.

          Quartier oder Siedlung, Blockrand oder Zeile?

          Dabei wird ein Protagonist in Erinnerung gerufen, der im öffentlichen Bewusstsein nicht mehr sehr präsent ist: Philipp Rappaport (1887 bis 1955) fing 1920 als Stellvertreter des legendären Gründungsdirektors Robert Schmidt (1864 bis 1934) beim Siedlungsverband Ruhrkohlebezirk (SVR) an und trat, nachdem die Nationalsozialisten ihn 1933 entlassen und den SVR gleichgeschaltet hatten, 1945 für sechs Jahre dessen Nachfolge an. So entschieden wie er sich für „zeitgenössische Architektur“ einsetzte, wandte er sich gegen modernistische Formen des Städtebaus: „Die Anordnung der dreigeschossigen Bauten wird im Allgemeinen in der üblichen Blockform längs bescheidener Straßenzüge erfolgen. Die Anordnung von Zeilenbauten, hintereinander gereiht, hat sich weder hinsichtlich der Zugänge und Leitungen als billiger erwiesen, noch bietet sie sonst irgendwelche städtebaulichen Vorteile“, schrieb Rappaport 1946 in „Der Wiederaufbau der deutschen Städte“.

          „Städtebau der Normalität“. Der Wiederaufbau urbaner Stadtquartiere im Ruhrgebiet. Herausgegeben von Wolfgang Sonne und Regina Wittmann.

          Quartier oder Siedlung, Blockrand oder Zeile? In dem einleitenden Essay stellt Wolfgang Sonne die beiden Positionen schematischer und ideologischer gegeneinander, als sie in der Praxis, die verschiedene Mischformen kennt, vertreten und umgesetzt wurden. Zwischen den Antipoden einer innovativen, fortschrittlichen (und, dieser Aspekt kommt zu kurz, vermeintlich autoverkehrsgerechten) Auffassung und einer traditionellen, konservativen Haltung bringt er einen „konventionellen Städtebau“ in Anschlag, der, „nahezu übersehen“, die „ganz gewöhnliche Stadt“ wieder auf- und ausbaute. Dabei würdigt er Rappaport als einen Planer, der, nicht ohne Vor- und Nachteile abzuwägen, für Modernisierung auf historischer Basis plädierte, Weiterentwicklung als Aufgabe der Denkmalpflege ansah, unter den Stadtbauräten im Revier Verbündete hatte und sich darüber hinaus, von Münster bis München, in bester Gesellschaft befand.

          Nicht Stil, Haltung, Konstruktionsweise oder Besitzverhältnis, so resümiert Sonne, sei das Charakteristikum der anonymen Architektur des Wiederaufbaus, sondern der Typus des mehrgeschossigen Stadthauses am Blockrand mit Fassaden zum öffentlichen Raum und gemischter Nutzung. Dagegen die „antistädtische Siedlungshaltung im Nationalsozialismus (...) als neu und demokratisch zu verkaufen“, gehöre, so seine Schlusspointe, zu den größten Paradoxien der Städtebaugeschichte.

          Weitere Themen

          Vom Glück hinter den Mauern

          Städte-Schau in Magdeburg : Vom Glück hinter den Mauern

          Die große Ausstellung „Faszination Stadt“ in Magdeburg will von der Stadt als Motor der europäischen Geschichte erzählen. Leider hat sie ihre historischen Hausaufgaben nicht gemacht. Der Anschluss an die Gegenwart gelingt nicht.

          Ba-ba-ba-ba-Batman! Video-Seite öffnen

          Comic-Reihe wird 80 : Ba-ba-ba-ba-Batman!

          Wie in Gotham City wurde in Mexiko Stadt pünktlich um 8 Uhr abends das Batman-Symbol an ein Hochhaus geworfen. Viele Fans ließen sich das Spektakel zum 80. Geburtstag der Comic-Reihe nicht entgehen.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.