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: Spurensicherung

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Mit Jorge Semprún war sich W.G. Sebald darin einig, dass die Literatur das Leitmedium der Erinnerung an den Holocaust ist. Der wachsende Eifer der Deutschen seit den sechziger Jahren war ihm jedoch verdächtig. So beklagte er "die erstaunliche Effizienz, mit der nun aus der Denunzierung der ja auch von der Literatur beförderten kollektiven Amnesie moralisches Kapital geschlagen wurde".

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          Mit Jorge Semprún war sich W.G. Sebald darin einig, dass die Literatur das Leitmedium der Erinnerung an den Holocaust ist. Der wachsende Eifer der Deutschen seit den sechziger Jahren war ihm jedoch verdächtig. So beklagte er "die erstaunliche Effizienz, mit der nun aus der Denunzierung der ja auch von der Literatur beförderten kollektiven Amnesie moralisches Kapital geschlagen wurde". Diese bösartige Beobachtung ist wohl richtig, sie basiert freilich auf der manichäischen These, die Literatur der Nachkriegszeit habe insgesamt dem "kollektiven Beschweigen" gedient. In der Untersuchung von Prosatexten aus dem Zeitraum von 1945 bis zu den Auschwitz-Prozessen zeigt eine Gießener Dissertation nun ein differenzierteres Bild. Zwar erfüllten Texte von Albrecht Goes, Luise Rinser oder Wolfgang Koeppen durch die Dämonisierung von Täterfiguren im Gegensatz zur Unschuld der Bevölkerungsmehrheit Entlastungsfunktionen, dennoch trugen sie zur Entwicklung von Gegenstimmen zum im kommunikativen Gedächtnis dominierenden Geschichtsbild bei und bereiteten so die Wandlung in den sechziger Jahren vor. Trotz einiger langatmiger Pflichtübungen ist das Buch für Leser interessant, die mit der notorischen Diffamierung der Adenauer-Zeit nicht einverstanden sind. (Janina Bach: "Erinnerungsspuren an den Holocaust in der deutschen Nachkriegsliteratur". Neisse Verlag, Wroclaw/Dresden 2007. 398 S., br., 42,- [Euro].) fap

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