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Sportarten von einst : Wie wäre es denn mal mit Fuchsprellen?

„Spiel, Zerstreuung, Ausgelassenheit und tumultuöse Heiterkeit“ machen den Sport aus. Für das Auto-Polo gilt das allemal. Bild: Liebeskind-Verlag

Schon einmal vom Oktopus-Ringkampf oder Auto-Polo gehört? Edward Brooke-Hitching erinnert in seinem Buch an zu Recht oder zu Unrecht vergessene Sportarten.

          Zum Vergessen! Wie oft sagt man das über ein schlechtes Spiel, über die miserable Leistung eines Teams oder eines Spielers. Aber über eine ganze Sportart? Dabei passiert es dauernd, das Sportarten und Disziplinen verschwinden, sind Hunderte und Tausende Spielarten menschlicher Herausforderungen ins Dunkel der Geschichte geglitten. Fuchsprellen, Oktopus-Ringkampf und andere vergessene Sportarten (so der Originaltitel) hat der britische Dokumentarfilmer Edward Brooke-Hitching ausgegraben; das bemerkenswerte Buch, das er darüber verfasst hat, heißt auf deutsch „Enzyklopädie der vergessenen Sportarten“.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Brooke-Hitchings Auswahl hat ihren Schwerpunkt bei den exzentrischen Vergnügungen britischer Jäger, Spieler und Trinker. Ob sie ihre Hunde auf flugunfähig gemachte Enten jagen oder ihnen Ratten vorwerfen, ob sie Kampfhunde auf Wildtiere hetzten, denen sie, je nachdem, mal Zähne und Klauen gelassen, mal vor dem Kampf herausgerissen hatten, oder ob sie sich lediglich zu Akkordeonmusik biergetränkte Lappen um die Ohren hauten, stets ging es um Spektakel. Wetten auf Sieg oder Niederlage spielten eine ebenso große Rolle wie Alkohol, außer es ging um die zum Gemetzel verfeinerte Jagd.

          Die armen Goldfische

          Wie die Römer im Circus Maximus wilde Tiere aufeinander oder auf Gefangene hetzten, wie Potentaten sich Wildtiere zum Niederschießen vor den Bogen oder die Büchse treiben ließen, wie Jagdgesellschaften massenhaft Eichhörnchen aus den Bäumen ballerten, all dies und noch viel mehr sinnlose Brutalität subsummiert der Autor als Jagdvergnügen unter Sport. Erstaunlich eigentlich, dass er die Gesellschaften nicht in seine lustige Sammlung aufgenommen hat, die unter der Führung von Buffalo Bill Cody von Eisenbahnwaggons aus die Büffelpopulation Nordamerikas ausrotteten. Wie unschuldig wirkt im Vergleich das Goldfisch-Wettschlucken, eine Mode in den Vereinigten Staaten Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, deren Meister es auf mehr als zweihundert Stück brachten.

          Die Entenkanone ist ein Gewehr mit besonders langem Lauf. Mit dem Schrot ließen sich besonders viele Tiere eines auffliegenden Schwarms erwischen. Bilderstrecke

          Der Autor berichtet, dass er in dem Buch „Der vollkommene teutsche Jäger“ auf das Fuchsprellen stieß, eine Anfang des siebzehnten Jahrhunderts am sächsischen Hof gängige Vergnügung. Die Tiere wurden in eine Arena getrieben, wo lange Stoffbahnen ausgelegt waren, deren Enden Männer und Frauen in Händen hielten. Lief ein Tier über eine solche Bahn, verwandelten die Paare die Bahnen in Zwillen, indem sie sie strammzogen und so den Fuchs meterhoch in die Luft schleuderten.

          Tumultuöse Heiterkeit muss sein

          Der trinkfeste Kurfürst Johann Georg I. in Dresden war ein großer Freund dieser Art von Sport und unterhielt sich, wenn er nicht im Dreißigjährigen Krieg Schlachten schlug, damit, dass er Ochsen, Bären, Wölfe, Wildschweine und Hunde aufeinanderhetzte und denen, die überlebten, den Garaus machte. Entsprechend waren auch die Füchse die Geprellten. Konnten sie sich zum Schluss des Spiels noch bewegen, wurden sie erschlagen.

          Empörung ist Brooke-Hitchings Sache nicht; mit Spott und Humor nimmt er sich der Abgründe der menschlichen Unterhaltung an. Etwa der Tatsache, dass 1900 bei den zweiten Olympischen Spielen der Neuzeit die Schützen mehr als dreihundert Tauben vom Himmel über Paris schossen, „wobei das Preisgeld von 20.000 Francs sportlich zwischen den vier besten Schützen geteilt wurde“. Der Autor beruft sich auf eine Definition von 1755, nach der „Spiel, Zerstreuung, Ausgelassenheit und tumultuöse Heiterkeit“ den Sport bestimmten.

          Das Erbe der Wikinger

          Die ausführlich beschriebenen Oktopus-Ringer jagten – bis eine Welle der Begeisterung ihnen in den sechziger Jahren eine Weltmeisterschaft und Fernsehübertragungen verschaffte – still unter Wasser. Ihr größter Meister, ein Taucher namens O’Rourke, provozierte die zwanzig bis dreißig Kilo schweren Tiere vor der amerikanischen Pazifikküste, so dass sie ihn umschlangen. Dann gab er seinem Partner ein Zeichen. Dieser zog ihn ins Boot und schnitt dem Jäger, der recht eigentlich als Köder fungiert hatte, die Beute Arm um Arm vom Leib.

          Es ging nicht nur gegen Tiere. Zu den ältesten Beispielen dieses Buches gehören die Rauf- und Sauf-Spiele der Wikinger, die beinahe so blutrünstig waren wie ihre Raubzüge. Sie dienten offenbar auch als Training. Dabei waren sie, so wie der Autor das Unter-Wasser-Drücken (sund), Knochen-an-den-Kopf-Werfen (hnútuknast) und ihre gewalttätige Mannschafts-Sportart mit Ball (knattleikr) beschreibt, ausgesprochen schlicht und langwierig. Am raffiniertesten erscheint noch das Hautziehen: Der eine Kämpfer versucht den anderen beim Zerren an einem Walrossleder ins Feuer zu stürzen, die Haut über ihn zu werfen und ihm auf den Rücken zu springen. Wen das an Exzesse übermütiger junger Männer von heute erinnert, der dürfte sich bestätigt fühlen von dem Hinweis, dass Anhänger wie Protagonisten dieses Sports sich durch die Aufnahme großer Mengen Alkohols oder berauschender Pilze für die Auseinandersetzungen präparierten.

          Selbstverständlich war die Teilnahme lebensgefährlich. „Manchmal werden Hälse gebrochen, manchmal die Rücken, manchmal die Beine, manchmal wird ein Körperteil ausgerenkt, manchmal strömt Blut aus den Nasen“, zitiert Brooke-Hitching aus einem Werk von 1583. „Fußball fördert Neid und Hass (...), manchmal Handgreiflichkeiten, Mord und sehr viel Blutverlust.“ Der Autor ergänzt: „Es hat sich wenig geändert.“ Wenn nicht Gewalt gegen andere den Reiz der Herausforderung ausmacht, dann musste es wenigstens das Risiko für das eigene Wohlbefinden sein.

          Auch die selbstzerstörerischen Adrenalin-Orgien der MTV-Generation, die wahnsinnigen Stunts etwa von Jackass oder dem Wok-Rodeln, haben ihre Vor- und Frühgeschichte. Etwa Ende des neunzehnten Jahrhunderts in der Herausforderung, sich, eingepfercht in eine Tonne, in die Strudel am Fuß der Niagarafalls werfen zu lassen oder, noch gefährlicher, die tosenden Fluten zu durchschwimmen. 1901 stürzte sich jemand die Fälle selbst hinunter. „Seit Annie Taylor erstmalig bewiesen hat, dass es möglich ist, die Niagarafälle in einem Fass hinunterzureiten, sind zwanzig Personen ihrem Beispiel gefolgt“, schreibt Brooke-Hitching. „Fünfzehn davon haben überlebt.“

          Auto-Polo und Feuerwerksboxen, das aquatische Dreibein und Querfeldeinläufe mit Unterstützung eines Ballons beweisen: Jede technische Entwicklung konnte eine Herausforderung darstellen. Aus der Vielzahl der Sportarten, die aus dem Programm der Olympischen Spiele ausgemustert worden sind – vom beidhändigen Speerwerfern übers Steinschleudern und Tauziehen bis zu Weit- und Hochsprung ohne Anlauf – wählt Brooke-Hitching neben dem Schießen ausgerechnet das Ski-Ballett aus, eine Mischung aus Tanz, Akrobatik und Verkleidung zu Musik. 1988 war es Demonstrations-Wettbewerb bei den Winterspielen von Calgary. Im Gegensatz zu Buckelpiste, Springen und Querfeldein-Rempeln hat das Ski-Ballett nicht überlebt. Die Lektüre dieser Enzyklopädie legt die Vermutung nahe, dass dabei zu wenig Tiere ums Leben kamen und das Risiko, lebensgefährliche Verletzungen zu erleiden, zu gering war.

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