https://www.faz.net/-gr3-8occk

Sportarten von einst : Wie wäre es denn mal mit Fuchsprellen?

Das Erbe der Wikinger

Die ausführlich beschriebenen Oktopus-Ringer jagten – bis eine Welle der Begeisterung ihnen in den sechziger Jahren eine Weltmeisterschaft und Fernsehübertragungen verschaffte – still unter Wasser. Ihr größter Meister, ein Taucher namens O’Rourke, provozierte die zwanzig bis dreißig Kilo schweren Tiere vor der amerikanischen Pazifikküste, so dass sie ihn umschlangen. Dann gab er seinem Partner ein Zeichen. Dieser zog ihn ins Boot und schnitt dem Jäger, der recht eigentlich als Köder fungiert hatte, die Beute Arm um Arm vom Leib.

Es ging nicht nur gegen Tiere. Zu den ältesten Beispielen dieses Buches gehören die Rauf- und Sauf-Spiele der Wikinger, die beinahe so blutrünstig waren wie ihre Raubzüge. Sie dienten offenbar auch als Training. Dabei waren sie, so wie der Autor das Unter-Wasser-Drücken (sund), Knochen-an-den-Kopf-Werfen (hnútuknast) und ihre gewalttätige Mannschafts-Sportart mit Ball (knattleikr) beschreibt, ausgesprochen schlicht und langwierig. Am raffiniertesten erscheint noch das Hautziehen: Der eine Kämpfer versucht den anderen beim Zerren an einem Walrossleder ins Feuer zu stürzen, die Haut über ihn zu werfen und ihm auf den Rücken zu springen. Wen das an Exzesse übermütiger junger Männer von heute erinnert, der dürfte sich bestätigt fühlen von dem Hinweis, dass Anhänger wie Protagonisten dieses Sports sich durch die Aufnahme großer Mengen Alkohols oder berauschender Pilze für die Auseinandersetzungen präparierten.

Selbstverständlich war die Teilnahme lebensgefährlich. „Manchmal werden Hälse gebrochen, manchmal die Rücken, manchmal die Beine, manchmal wird ein Körperteil ausgerenkt, manchmal strömt Blut aus den Nasen“, zitiert Brooke-Hitching aus einem Werk von 1583. „Fußball fördert Neid und Hass (...), manchmal Handgreiflichkeiten, Mord und sehr viel Blutverlust.“ Der Autor ergänzt: „Es hat sich wenig geändert.“ Wenn nicht Gewalt gegen andere den Reiz der Herausforderung ausmacht, dann musste es wenigstens das Risiko für das eigene Wohlbefinden sein.

Auch die selbstzerstörerischen Adrenalin-Orgien der MTV-Generation, die wahnsinnigen Stunts etwa von Jackass oder dem Wok-Rodeln, haben ihre Vor- und Frühgeschichte. Etwa Ende des neunzehnten Jahrhunderts in der Herausforderung, sich, eingepfercht in eine Tonne, in die Strudel am Fuß der Niagarafalls werfen zu lassen oder, noch gefährlicher, die tosenden Fluten zu durchschwimmen. 1901 stürzte sich jemand die Fälle selbst hinunter. „Seit Annie Taylor erstmalig bewiesen hat, dass es möglich ist, die Niagarafälle in einem Fass hinunterzureiten, sind zwanzig Personen ihrem Beispiel gefolgt“, schreibt Brooke-Hitching. „Fünfzehn davon haben überlebt.“

Auto-Polo und Feuerwerksboxen, das aquatische Dreibein und Querfeldeinläufe mit Unterstützung eines Ballons beweisen: Jede technische Entwicklung konnte eine Herausforderung darstellen. Aus der Vielzahl der Sportarten, die aus dem Programm der Olympischen Spiele ausgemustert worden sind – vom beidhändigen Speerwerfern übers Steinschleudern und Tauziehen bis zu Weit- und Hochsprung ohne Anlauf – wählt Brooke-Hitching neben dem Schießen ausgerechnet das Ski-Ballett aus, eine Mischung aus Tanz, Akrobatik und Verkleidung zu Musik. 1988 war es Demonstrations-Wettbewerb bei den Winterspielen von Calgary. Im Gegensatz zu Buckelpiste, Springen und Querfeldein-Rempeln hat das Ski-Ballett nicht überlebt. Die Lektüre dieser Enzyklopädie legt die Vermutung nahe, dass dabei zu wenig Tiere ums Leben kamen und das Risiko, lebensgefährliche Verletzungen zu erleiden, zu gering war.

Weitere Themen

„Little Joe“ Video-Seite öffnen

Filmclip : „Little Joe“

Auch in Konkurrenz um die Goldene Palme: Das Science-Fiction-Drama „Little Joe“ von Jessica Hausner, der am 17. Mai 2019 im Rahmen der 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte.

„A Hidden Life“ Video-Seite öffnen

Filmclip : „A Hidden Life“

Das biografisch gefärbte Filmdrama „A Hidden Life“ von Terrence Malick feierte auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 seine Premiere und konkurriert dort um die Goldene Palme.

Topmeldungen

Formel-1-Legende : Niki Lauda ist tot

Niki Lauda ist gestorben: Der Österreicher wurde 70 Jahre alt. Nicht nur als Rennfahrer in der Formel 1 feierte der dreimalige Weltmeister Erfolge.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.