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: Spielen, um nicht den Verstand zu verlieren

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An der "Rampe" selektierte man Alma für den Block 10 des Stammlagers Auschwitz, den Experimentierblock des berüchtigten Dr. Josef Mengele, wo sie bei ihrer Ankunft, den Tod vor Augen, um eine Geige gebeten haben soll. Das Instrument wurde über Umwege tatsächlich organisiert, und nach dem Einschluß in den Block begann Alma zu spielen. Es entwickelte sich eine Folge allabendlicher Treffen im Operationssaal, von den Häftlingen "Cabarets" genannt, bei denen sich die Frauen des Experimentierblocks mit Bettlaken oder Handtüchern verkleideten, ihre Nationalhymnen sangen und zu Almas Musik tanzten. Schließlich sprach sich die Anwesenheit einer berühmten Geigerin im Lager herum, und die SS-Kommandantin Maria Mandel wählte sie für ihr bis dahin hoffnungsloses Projekt eines Frauenorchesters aus. Als "Kapo" des Musikblocks in Birkenau setzte Alma Rosé von da an ihre gesamte Überlebenskraft dafür ein, aus einem zusammengewürfelten "Krimskrams-Ensemble", wie sich die Überlebende Hélène Scheps erinnerte, "ein richtiges Orchester zu machen". Im Unterschied zum 1941 gegründeten Männerorchester in Auschwitz bestand die Frauenkapelle überwiegend aus Laien. Zeugenberichte machen deutlich, wie Alma das Orchester in kürzester Zeit auf ein musikalisches Niveau trimmte, das es rasch immer unverzichtbarer erscheinen ließ: als Prestigeobjekt der ehrgeizigen Mandel sowie als perverser "Zufluchtsort" für SS-Personal, das sich zwischen zwei Massenmorden ein paar Takte Sentimentalität gestattete. Die Überlebende Margita Schwalbová berichtet in Newmans Buch, zu den Sonntagskonzerten hätten sich Tausende von Häftlingen in die Nähe des Orchesters gedrängt, um zuzuhören. Für andere war die Musik im Lager ein Gipfel der Perversion: "Walzer, die man anderswo, in einem fernen, ausradierten Leben, gehört hatte. Sie hier zu hören war unerträglich", schrieb Charlotte Delbo. Den Musikerinnen des Orchesters half Almas "Wahn, aus dem Repertoire etwas Perfektes zu machen", nach Lasker-Wallfischs Worten, "nicht den Verstand zu verlieren". Vor allem aber entgingen sie der Gaskammer, solange sie im Orchester gebraucht wurden.

Alma drillte ihre Musikerinnen bisweilen mit unerbittlicher Härte, setzte sich zugleich mit großem Mut für sie ein und stellte der SS gegenüber Forderungen, die den unglaublichsten Erfolg hatten. So sorgte sie dafür, daß der Musikblock einen Heizofen bekam, daß zur Erholung der Musiker eine Mittagspause genehmigt wurde und daß während der Konzerte Ruhe im Publikum herrsche. "Sie war streng, gerecht, niemals unterwürfig und unbeirrbar, sich und uns - allem zum Trotz - nicht entwürdigen zu lassen", erinnert sich Anita Lasker-Wallfisch im Unterschied zu dem von Fénelon gezeichneten Bild einer Tyrannin, die sich aus Angst und Schwäche innerlich auf die Seite ihrer Peiniger geschlagen habe. "Ohne sie", da ist sich Lasker-Wallfisch mit vielen anderen Überlebenden des Orchesters einig, "hätte niemand von uns überlebt."

Alma Rosé starb am 5. April 1944 an Botulismus, einer Lebensmittelvergiftung, die sie nach dem Essen im Zimmer einer Frau Schmidt, "Kapo" der Bekleidungskammer, wahrscheinlich durch eine verdorbene Konserve erlitt. Über ihren Tod kursierten im Lager zahlreiche Gerüchte. Newman legt die verschiedenen Versionen und ihre Wahrscheinlichkeiten genau dar. Mit der gleichen Sorgfalt diskutiert das Buch auch alle anderen, nicht restlos aufklärbaren Stationen der Biographie, wie etwa die genauen Umstände von Almas Flucht aus Holland. Unstrittig ist, daß Alma Rosé, entgegen aller im Lager regierenden Roheit, nach ihrem Tod aufgebahrt wurde, damit Häftlinge wie SS-Offiziere sie ein letztes Mal betrachten konnten. Wahrscheinlich wurde auch eine Autopsie durchgeführt. Ausgerechnet Josef Mengele war es, der sich in Almas letzten Stunden vergeblich um ihre Gesundung bemühte, ihr den Magen auspumpen ließ und eine Laboruntersuchung ihrer Rückenmarksflüssigkeit anordnete, um festzustellen, woran sie erkrankt war. Der Zynismus des Lagers war grenzenlos.

Richard Newman (mit Karen Kirtley): "Alma Rosé. Wien 1906 - Auschwitz 1944". Eine Biographie. Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Schlüter. Vorwort von Anita Lasker-Wallfisch. Weidle Verlag, Bonn 2003. 500 S., zahlr. Abb., geb., 34,- [Euro].

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