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Soziologie vom Kochen : Familie ist dort, wo der Kochtopf steht

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Das soziale Ringen um die Gaumenfreuden steht in einer langen Tradition. Jean-Claude Kaufmann erklärt in seinem Buch „Kochende Leidenschaft“, warum unsere Ernährungskultur neuer Verhaltensrezepte bedarf.

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          Feierabend, Füße hoch, Fernseher an. Das ist die gängige Beilage zur Tiefkühlpizza. Der gemeine Fertiggerichtexperte weiß zudem genau um die Temperatur, die die Pizza rechtzeitig zur nächsten Werbepause ins perfekte Verzehrstadium befördert. Das Verhaltensrezept unserer derart degenerierten Ernährungskultur hat Jean-Claude Kaufmann in der Studie „Kochende Leidenschaft" in seine einzelnen Zutaten zerlegt.

          Kaufmanns Soziologie kreist um eine Theorie des Ich, die stark phänomenologisch ausgerichtet ist und anhand von Alltagssituationen - Wäschewaschen, Kochen - die Entstehung von Identität untersucht. Seine Bücher sind in der Regel sehr gut lesbar, weil sie - ohne methodologischen Schutt vor sich herzuschieben - dicht belegt und urteilsstark zur Sache kommen. Nur gelegentlich hat man den Eindruck, daß sie zu viel loses Material transportieren, wenn über lange Passagen Zitate von befragten Personen wiedergegeben werden. Wie in seiner Paarstudie „Singlefrau und Märchenprinz" fragt der Pariser Wissenschaftler auch in seiner „Soziologie vom Kochen und Essen" nach häuslichen Mechanismen der Vergesellschaftung. Er beobachtet, wie sich Menschen am Herd und bei Tisch finden und verlieren.

          Essen als sozialer Kitt

          Wenn es zur stabilen Gewohnheit werde, so Kaufmann, während des Essens auf den Bildschirm zu starren, statt miteinander zu reden, dann erlange man nur schwer die Fähigkeit wieder zurück, miteinander zu sprechen. Die Mahlzeit, die Art, wie man am Tisch sitze, verliere so allmählich ihre Funktion als „Architekt des Familienlebens". Dann werde der Fernseher, vor dem man ißt, zu einem Gerät, das auffrißt. Das Gegenüber verkomme zum Nebeneinander.

          Einfühlsam beschreibt der Autor den sozialen Wandel am Herd und bei Tisch, wenn das Haus nach dem Auszug der Kinder zum „leeren Nest" wird. „Der Rückblick auf die Zeit des Einsatzes für die Familie erstaunt die für das Kochen Verantwortliche ein bißchen. Wie hatte sie die dazu nötige Energie aufbringen können? Und warum hat sie die Last der Pflichten, die sie zu erledigen hatte, nicht mehr gespürt? Denn zu dem Zeitpunkt, als sie sich davon befreit (oder sich davon befreien möchte), scheinen sie ihr schwerer. Während sie weniger tut (oder tun möchte), kommt ihr dies paradoxerweise schwieriger vor."

          „Handlanger“ Mann

          Wie Mahlzeiten dem Familienleben Form verleihen oder ins Formlose treiben, das stellt der Feldforscher Kaufmann anhand von Interviews hier anschaulich heraus. Zwischen Eltern und Jugendlichen führe die Schlacht am Buffet zu immer neuen Auseinandersetzungen. Die neue „Kühlschrankkultur", in der sich jeder nimmt, was er am liebsten ißt, sei nur ein trügerischer Garant für die existentielle Leichtigkeit des Essens. Hier handele es sich vielmehr um ein mit dem Argument der Effizienz kaschiertes soziales Vermeidungsverhalten. Daß es statistisch insbesondere junge Mädchen sind, die es bei Tisch nicht lange aushalten und den „schnellen Happen" bevorzugen, hält Kaufmann offenbar für einen genetisch programmierten Tribut an die Emanzipationsgeschichte. Das Verhalten sei die Revanche für Jahrhunderte, in denen die Frauen an den Herd gefesselt waren.

          Männer sind es, die ihnen auch heute wieder die Früchte der Freiheit vergiften - nein, nicht „die" Männer, sondern eine besondere Spezies Mann. Kaufmann nennt ihn den „Handlanger". Handlanger sind jene neuen Männer, die sich nicht mehr damit begnügen, am gedeckten Tisch Platz zu nehmen - „sie helfen ein bißchen". Damit machen sie freilich alles nur noch schlimmer. Weil die Frau jetzt nicht nur wie bisher die Arbeit hat, sondern dem Mann auch noch das schlechte Gewissen abgenommen ist. Die erstaunliche Überlebensfähigkeit des sogenannten „Ersatzspielers" bietet eine unbeabsichtigte Erklärung für die von Kaufmann beobachtete weite Verbreitung der Spezies „Singlefrau".

          Kultur beginnt bei Tisch

          Das soziale Ringen um die Gaumenfreuden steht in einer langen Tradition. Diese schildert Kaufmann in seiner ebenso unterhaltsamen wie informativen Geschichte der Nahrungsmittel und der Mahlzeiten, die er seinen Fallstudien voranstellt. Ein lukullischer fait divers ist beispielsweise die Legende der Melone. Nach verbreiteter Vorstellung war die süße Frucht als kaltes Nahrungsmittel nützlich, um das sexuelle Feuer zu dämpfen. Gleichzeitig aber kursierte die Überzeugung, sie würde die Verdauungsverbrennung hemmen und müßte daher zusammen mit hitzesteigernden Gewürzen, Wein oder Wurst verzehrt werden. Daher stammten die noch heute existierenden Vorlieben, Melone mit Portwein in Frankreich oder mit Parmaschinken in Italien zu genießen.

          Für Kaufmann steht Kochen am Ursprung der Zivilisation. Am Herd und bei Tisch schälen sich die frühesten Formen von Kultur heraus. Der Hungertrieb wird zur Eßkultur verfeinert. Hier werden die Bande der sozialen Routine geknüpft und gefestigt, die den Zusammenhalt stiften. Daß Kaufmann Vergesellschaftung durch die Vorgänge Einkaufen, Kochen und Essen bestimmt, ist natürlich auch eine Entlastungsstrategie. Das häusliche Miteinander soll versachlicht, von allzu intimen Ansprüchen befreit und damit erst ermöglicht werden. "Wie zu Zeiten der Urgesellschaften entsteht Verwandtschaft immer noch durch das Essen aus einer gemeinsamen Suppenschüssel, dadurch, daß man Tag für Tag die Nahrung miteinander teilt", heißt es lapidar. Familienleben ist auch Handwerk, das um eine Sache kreist: täglich neu um eine Suppenschüssel.

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