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: Souverän ist, wer über Abstand gebietet

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Damals war Thomas Mann sein Gott. Das "Thüringer Tagblatt" nahm aus der Feder des Berliner Studenten ein "Tagebuch bei der Lektüre des Josephsromans" zur Publikation an, das in mehreren Folgen "unter dem Strich" gedruckt wurde, als klassisches Feuilleton. Am 29. Juli 1950 erreichte den Autor dieses kritischen Fortsetzungsromans eine Zuschrift des Lesers, auf den es ankam.

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          Damals war Thomas Mann sein Gott. Das "Thüringer Tagblatt" nahm aus der Feder des Berliner Studenten ein "Tagebuch bei der Lektüre des Josephsromans" zur Publikation an, das in mehreren Folgen "unter dem Strich" gedruckt wurde, als klassisches Feuilleton. Am 29. Juli 1950 erreichte den Autor dieses kritischen Fortsetzungsromans eine Zuschrift des Lesers, auf den es ankam. Er hatte Brötchen geholt fürs Frühstück im Familienkreis, da sah er schon von weitem den Vater auf den Treppenstufen vor der Haustür stehen und ein Schriftstück schwenken: "Du hast einen Brief von Thomas Mann." An diesen Tag erinnert sich Wolf Jobst Siedler, als wäre es gestern gewesen. Und der Leser des zweiten Bandes von Siedlers Memoiren denkt sich: So früh wurde also fünf Jahre nach Kriegsende in den Berliner Villenvororten die Post ausgetragen. Tempi passati!

          Kleinlicher Kulturpessimismus freilich ist Siedlers Sache nicht. Seine Erwägungen, ob er die deutsche Kultur in einem Zeitalter des Niedergangs mitgestaltet hat, stellt er in einen universalhistorischen Zusammenhang. Eine der Überraschungen des neuen Bandes ist die große Bedeutung, die der Berliner Althistoriker Franz Altheim für ihn hatte. In der Liste der drei größten Persönlichkeiten, denen Siedler in seinem Leben begegnet ist, folgt Altheim auf Adenauer und Thomas Mann - obwohl dem Gründungsprofessor der Freien Universität gar keine besondere persönliche Ausstrahlung eigen gewesen sein soll und das Werk das Faszinosum war. Dieses Werk beschäftigte sich mit den antiken Großreichen und insbesondere mit denjenigen unter ihnen, deren Geschichte gleichsam im Sande verlaufen war, weil ihr Gedächtnis nicht von den griechischen Historikern, der Bibel oder Thomas Mann bewahrt worden ist.

          Als der neunundzwanzigjährige Siedler 1955 als Feuilletonchef des "Tagesspiegels" eingesetzt wurde, schwebte seinem Chefredakteur Karl Silex eine Erweiterung des Kulturbegriffs vor. Das klassische Rezensionsfeuilleton tat Silex als "Referatenfriedhof" ab. Es ist eine melancholische Pointe, daß Siedler seinen ersten großen Auftritt der Diagnose des Absterbens der ästhetischen Welt des Bürgertums verdankt. Heute kann der Konzertgänger nicht mehr sicher sein, im "Tagesspiegel" eine Besprechung des Philharmonieabends zu finden. Für die Debattenkultur der als Frontstadt überwinternden Hauptstadt empfahl sich der neue Mann vor fünfzig Jahren durch eine Vorliebe für theologische Spitzfindigkeiten und welthistorische Betrachtungen. In einem Essay über den Untergang des kleinasiatischen Griechentums blieb durch ein Versehen des Volontärs, der dem Feuilletonchef die Seitenabzüge in das dem Redaktionsgebäude schräg gegenüberliegende Lokal "Die Tonne" zur Endabnahme zu bringen hatte, einmal der Schlußsatz stehen: "Die letzten Spuren der griechischen Kultur gingen unter der Herrschaft der Geldschurken zugrunde."

          Altheims Darstellungen des Schicksals der Seldschuken und anderer Altherrenvölker las der junge Siedler als Spiegel der Geschichte, die er am eigenen Leib erlebt - respektive gerade eben nicht erlebt hatte. Der Schüler war in den Untergang des Reiches nicht eigentlich hineingezogen, vielmehr aus dem Todeskampf der Diktatur auf eine exzentrische Bahn katapultiert worden. Dieses Ereignis oder Nicht-Ereignis, das wundersame Überleben eines Beobachters, der kaum wissen konnte, wie ihm geschah, war das Zentrum des ersten, vor vier Jahren erschienenen Bandes.

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