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Sophie van der Stap : Eine Perücke für jede Tonart

  • -Aktualisiert am

Heute bin ich blond: die Krebspatientin van der Staps als Kunstfigur „Platina” Bild: Droemer

Für die junge Studentin war die Diagnose „Du hast Krebs“ nicht nur der Anfang quälender Zweifel, sondern auch der Beginn von Experimenten, bei denen die Lebensfreude die Oberhand gewonnen hat. Jetzt hat Sophie van der Stap ihre Krankheitsgeschichte aufgeschrieben.

          Drei Worte verändern das Leben der einundzwanzigjährigen Studentin Sophie van der Stap: „Du hast Krebs.“ Doch die Diagnose ist mehr als der Beginn einer qualvollen Zeit. Die Autorin nutzt sie als Chance für einen Neuanfang im Leben und für ihr Debüt als Schriftstellerin. „Aufräumen und Saubermachen“, das sind die Schlagworte, mit denen van der Stap ihr Leben renoviert. Doch zuvor tritt mit der Diagnose, die sie mitten im Semester trifft, das absolute Chaos in die Gedankenwelt der jungen Frau. Mit knappen Sätzen beschreibt sie den Strudel ihrer paradoxen, in schneller Folge wechselnden Gefühle.

          Dem Leser eröffnet sich bereits zu Beginn der Lektüre ein intimer Einblick in das Innenleben der Kranken. Einmal sieht sich van der Stap als „armes kleines Krebsbündel“, dann wieder stellt sie sich als starke Kriegerin dar, die die Herausforderung durch den Feind namens Rhabdomyosarkom annimmt. Mit zwei erhobenen Mittelfingern lässt sich van der Stap vor der ersten Chemotherapie fotografieren. Herausfordernd tritt sie ihrer Krankheit entgegen. Doch auch die Wut klingt ab. Sie macht etwas Neuem Platz, etwas, das letztlich die Oberhand über van der Stap gewinnt: Lebensfreude, trotz allem.

          Farbenlehre der Ernsthaftigkeit

          Van der Stap geht aus, reist, flirtet. Zunächst, um zu vergessen; dann, um zu erleben. „An dem Tag, an dem sich herausstellte, dass ich Krebs habe, ist mein Spielfeld von der Größe einer Gymnastikhalle auf die eines Fußballfeldes angewachsen.“ Unter den neun Perücken, die sie kauft, um ihre Kahlheit zu verdecken, nimmt van der Stap wechselnde Identitäten an. Als Rothaarige zieht sie durchs Nachtleben, als Blondchen bezirzt sie Männer, als Brünette entdeckt sie die Ernsthaftigkeit. Van der Stap experimentiert mit Lebensentwürfen und erschafft mit Sue, Blondie oder Stella Charaktere, die sich in unterschiedlichen Welten bewegen, verschiedene Freunde finden und einen jeweils eigenen Geschmack entwickeln.

          Sophie van der Stap als „Stella”

          Doch das Rollenspiel ist keine Flucht. In der Schnittmenge der neun Frauengestalten findet die Studentin den Kern ihrer Persönlichkeit. Ihre Autobiographie ist das Protokoll einer Suche nach sich selbst. Einer Suche nach dem, was zählt. Der Tod habe sie gelehrt zu leben, lautet eine der zentralen Aussagen van der Staps. Sie akzeptiert den Krebs und die Todesnähe als Bestandteil ihrer selbst. Sie ist alles, nur nicht das arme junge Mädchen von der Onkologie. Dabei sieht sie der Bedrohung ins Gesicht. Wenn sich van der Stap auf der Intensivstation die Fußnägel lackiert, ist dies kein Akt der Verdrängung, sondern Ausdruck trotziger Lebensbejahung.

          Einsame Nächte und Tage

          Ebenso unkonventionell und mutig wie die Art und Weise, mit der van der Stap ihr neues Leben angeht, ist auch die Sprache, mit der sie darüber schreibt. Ihr Wortwitz verleiht der Autobiographie Leichtigkeit, wo es um die schweren Themen geht. Dabei verschweigt van der Stap weder ihre Ängste noch die Verzweiflung der Angehörigen. Sie beschreibt den Horror der Therapie, die Schmerzen, den Gestank und die Trauer über den Tod der ebenfalls erkrankten Freundin. Immer wieder muss van der Stap das Mountainbike gegen den Rollstuhl eintauschen und, an die Infusion gefesselt, die Zeit vor dem Fernseher verbringen.

          Einsam sind die Nächte, die sie zum Geräusch der Flüssigkeits-Pumpen wach liegt. Einsam auch die Tage, an denen sie keine Pflichtbesuche oder Anteilnahme am Krankenbett wünscht. Sie bleibt alleine mit einem, der keine Worte macht: ihrem „langen Freund“, dem Infusionsständer, den sie auf den Stationsfluren spazieren führt. Manchmal meldet er sich schrill zu Wort und schlägt Alarm, wenn sich die Werte verschlechtern. Sonst schweigt er.

          Lakonisch, schelmenhaft

          Van der Stap hat ein feines Gespür für die Reaktionen ihres Umfeldes, für die Sorge der Menschen, die ihr am nächsten stehen, ebenso wie für die Blicke der Passanten, die der in die Brust operierte Kasten auf sich zieht. Bestürzt bemerkt sie das veränderte Verhalten neuer Liebhaber angesichts der Narben auf ihrem Körper oder die Betretenheit, die eine verrutschte Perücke auslöst. Van der Stap reagiert mit Selbstironie.

          Das Krankenhausleben liefert ihr Stoff für sprachlich dichte Szenen. Jede Zeile offenbart ihre Schelmenhaftigkeit und unerschütterlichen Galgenhumor, wenn sie sich etwa durch den Sprachdschungel aus OLVG, EPO und HB-Werten kämpft. Ebenso lakonisch wie den Klinikalltag schildert van der Stap auch den Medienmarkt, der Geschichten wie die ihre aufsaugt. Sie wird in Holland zum gefragten Gast in Fernsehsendungen, beginnt für Zeitungen und Magazine zu schreiben. Van der Stap ist ein Buch gelungen, das im Gedächtnis bleibt.

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