https://www.faz.net/-gr3-z7qf

Sönke Neitzel und Harald Welzer: Soldaten : Die moralische Innenseite des Kriegs

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Abhörprotokolle als Quelle: Sönke Neitzel und Harald Welzer ziehen aus Schilderungen in Kriegsgefangenschaft geratener Wehrmachtssoldaten weitreichende Schlüsse über das Verhalten von Truppen im Kampfeinsatz.

          4 Min.

          Nicht politische Ideologien, sondern Kleingruppenerfahrungen sind entscheidend für die Kampfkraft von Soldaten, ihre Tötungsbereitschaft wie ihre Durchhaltefähigkeit. Neben dem Vertrauen in die Kompetenz der Offiziere ist es vor allem die Erfahrung von Kameradschaft, die eine Truppe zusammenhält und sie auch dann noch weiterkämpfen lässt, wenn die politisch-militärische Lage aussichtslos geworden ist. Diese klassische Einsicht der Militärsoziologie wird auf der Grundlage neuer Quellen nun auch wieder für die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg geltend gemacht, und dies gilt, so der Historiker Sönke Neitzel und der Sozialpsychologe Harald Welzer, auch und gerade für den Krieg der Wehrmacht im Osten. Die nationalsozialistische Ideologie, die Gegenüberstellung von Herren- und Untermenschen sowie der Antisemitismus haben danach für das Agieren der deutschen Soldaten eine weit geringere Rolle gespielt, als dies zuletzt in vielen Publikationen behauptet worden ist.

          Die einzige Ausnahme, die Neitzel und Welzer gelten lassen, sind die Massenerschießungen jüdischer Zivilisten, bei deren Beschreibung durch Wehrmachtssoldaten eine starke antisemitische Grundierung erkennbar ist. Wo sie fehlte, führte das dazu, dass sich die Soldaten von solchen Aktionen mehr oder minder deutlich distanzierten. Aber sobald von den Opfern solcher Massenerschießungen behauptet wurde, es handele sich um Partisanen oder Partisanenunterstützer, änderte sich das: Dann griffen die Vorstellungen von Rache und Vergeltung, und auch jene Soldaten, die sonst der NS-Propaganda skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden, waren dann zu rücksichtslosem Waffengebrauch bereit.

          Eine provokative Botschaft

          Der Referenzrahmen, innerhalb dessen Ereignisse und Entwicklungen interpretiert werden, so Neitzel und Welzer, ist für das eigene Handeln und dessen Rechtfertigung entscheidend; in diesen Referenzrahmen können auch Versatzstücke von Ideologien eingehen, aber viel wichtiger sind die allgemeine Vorstellung vom Krieg und von besonderen Arten des Kriegs. In diesem Sinne haben Neitzel und Welzer dann auch die Aussagen von Wehrmachtsangehörigen über den Feind und ihre Art des Kämpfens mit Äußerungen amerikanischer Soldaten aus dem Vietnamkrieg oder dem jüngsten Krieg im Irak parallelisiert. Sie sind dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass es keine relevanten Unterschiede gibt. Deswegen haben sie ihr Buch auch nicht im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Wehrmacht betitelt, wiewohl es hauptsächlich darum geht, sondern ihm den allgemeinen Titel „Soldaten“ gegeben.

          Das Wissen über die seelische und moralische Innenausstattung von in westliche Kriegsgefangenschaft geratenen Wehrmachtssoldaten wird zum Schlüssel für das Innenleben von Soldaten überhaupt, und der Zweite Weltkrieg bildet das Modell eines großen Krieges im Allgemeinen. Das ist eine provokative Botschaft, über die in den kommenden Monaten nicht nur in der Historikerzunft heftig diskutiert werden dürfte; es ist zugleich eine Revision, zumindest Umakzentuierung des Wehrmachtsbildes, wie es in der großen Ausstellung des Hamburger Reemstma-Instituts gezeichnet worden ist.

          Nicht allein eine historische Quellenkritik

          Was aber ist das Material, auf das Neitzel und Welzer diese weitreichenden Thesen stützen? Seit Kriegsbeginn hörten die Briten, später dann auch die Amerikaner in Gefangenschaft geratene deutsche Soldaten ab. Die Räume, in denen sich die Gefangenen aufhielten, wurden „verwanzt“, die interessant erscheinenden Äußerungen aufgezeichnet, anschließend verschriftlicht und auf diese Weise eine Sammlung von Quellen angelegt, die ihresgleichen sucht. Das Erstaunliche ist eigentlich, dass diese Quellen nicht schon früher herangezogen und genutzt worden sind.

          Weitere Themen

          Als der Bühnenbauer die Nase voll hatte

          Brecht und Neher : Als der Bühnenbauer die Nase voll hatte

          Eine tiefe Jugendfreundschaft verband Caspar Neher und Bertolt Brecht, die selbst durch die Mitwirkung des Bühnenbauers an der NS-Propaganda nicht bröckelte. Der Bruch kam später, wie bislang unbekannte Briefe zeigen. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Söder gegen Laschet : „Es geht um so viel für unser Land“

          Am Dienstag werben Armin Laschet und Markus Söder in der Unionsfraktion um Zustimmung im Kampf um die Kanzlerkandidatur. Der CDU-Vorsitzende wirbt zuvor um ein „faires Miteinander“. Der CSU-Chef warnt vor einer „haushohen Wahlniederlage“.

          TV-Kritik: Hart aber fair : Showdown um das Kanzleramt

          Der Machtkampf um die Kanzlerkandidatur in den Unionsparteien erinnert an den Ausbruch eines Vulkans. Bei „Hart aber fair“ ist das Grund genug für eine kurzfristige Themenänderung.

          Marina Granovskaia : Der FC Chelsea im Griff der eisernen Lady

          Der FC Chelsea wird von einer Frau geführt. Marina Granovskaia trifft alle wichtigen Personalentscheidungen und gilt als knallharte Verhandlerin. Das könnte auch für Thomas Tuchel zum Problem werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.