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Teenager und soziale Netzwerke : Man hüte sich vor dem falschen Post zur falschen Zeit

  • -Aktualisiert am

Ein Heranwachsender sichtet Inhalte des Videoportals Youtube auf dem Smartphone Bild: picture alliance / dpa

Cyberbullying, Identitätsfindung und Sexualität im Digitalzeitalter: Emily Weinstein und Carrie James untersuchen, wie sich die Nutzung sozialer Netzwerke auf Jugendliche auswirkt.

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          Mögliche Zusammenhänge zwischen dem Wohlbefinden von Jugendlichen und der Nutzung sozialer Medien werden seit Jahren in Gesellschaft und Wissenschaft kon­tro­vers diskutiert. Und Hand aufs Herz: Welche Eltern fragen sich nicht, was die Dauernutzung von Tiktok, Snapchat, Instagram und anderen sozialen Netzwerken mit der Psyche der Kinder anstellt. Aufhorchen lässt die Beobachtung, dass die Suizidrate laut einer Studie um Donna Ruch in den USA seit dem Aufkommen von sozialen Netzwerken besonders bei weiblichen Teenagern gestiegen ist. Sind die sozialen Medien aber wirklich kausal für diesen Anstieg verantwortlich? Diese und ähnliche Fragen sind noch nicht geklärt.

          Neuere Forschung zeigt allerdings, dass einfache Gleichungen wie „Viel Zeit auf Social Media = Unbehagen“ für viele Nutzer sozialer Netzwerke kaum greifen. Es müssen etliche Faktoren wie Persönlichkeitsstruktur, Kontext und Motive der Nutzung berücksichtigt werden, um zu verstehen, ob und wann soziale Medien negative oder positive Effekte haben. Emily Weinstein und Carrie James beschäftigen sich in ihrem Buch mit zahlreichen Aspekten der Nutzung sozialer Netzwerke bei Jugendlichen. Die Wissenschaftlerinnen von der Harvard University beziehen sich dabei unter anderem auf eine eigene Studie mit über dreitausend Teilnehmern, die ein Durchschnittsalter von dreizehn Jahren haben (die Altersspanne lag bei neun bis neunzehn Jahre).

          Jugendliche fordern mehr Verständnis

          Im Detail diskutieren die Autorinnen die „süchtig“ machende Nutzung sozialer Medien, Cyberbullying, Identitätsfindung und Sexualität im Digitalzeitalter. Es geht um den nicht löschbaren digitalen Fußabdruck (was man postet, bleibt für die Ewigkeit) sowie politischen Aktivismus von Teenagern. Das Buch zeichnet ein ausgewogenes Bild der Vor- und Nachteile der Nutzung sozialer Netzwerke, die durch zahlreiche Fallberichte veranschaulicht werden. So wird etwa im Kontext des politischen Aktivismus erörtert, wie schwierig es für Teenager ist, sich in Zeiten von Cancel Culture und Wokeness online „richtig“ zu positionieren. Der falsche Post zur falschen Zeit, aber auch Schweigen kann schnell zu Konflikten in dem eigenen sozialen Netzwerk führen.

          Eine Botschaft erscheint als eine Art roter Faden: Jugendliche fordern mehr Verständnis für die Nutzung sozialer Medien von ihren Eltern ein, als sie üblicherweise bekommen. Passend dazu endet jedes Kapitel mit einem kurzen Abschnitt „Teens want adults to know“. Hier werden wesentliche Punkte vorgetragen, die Jugendlichen am Herzen liegen und die Erwachsene über die Nutzung von sozialen Netzwerken aus ihrer Sicht kennen sollten. Dieser Aspekt kommt in der Literatur zum Thema oft zu kurz und ist mithin ein Alleinstellungsmerkmal der Studie.

          Emily Weinstein und Carrie James: „Behind Their Screens“. What Teens Are Facing (and Adults Are Missing).
          Emily Weinstein und Carrie James: „Behind Their Screens“. What Teens Are Facing (and Adults Are Missing). : Bild: MIT Press

          So überzeugend viele Schilderungen in dem Buch auch sind: Zahlreiche Einsichten scheinen auf Einzelfallschilderungen zu basieren, was die Verallgemeinerbarkeit häufig fragwürdig erscheinen lässt. Außerdem bleibt für einige der diskutierten Befunde unklar, wie stark die Wirkung der sozialen Netzwerke sich auf die Lebenswelten der Jugendlichen auswirkt.

          Und was ist mit der Onlinesucht?

          Das wichtige Thema Onlinesucht wird zu oberflächlich behandelt. Die Autorinnen erläutern nicht einmal genau, was das genau ist. Vor dem Hintergrund der offiziellen „Gaming Disorder“-Diagnose im ICD-11-Katalog der Weltgesundheitsbehörde, die als Blaupause auch für den Bereich der exzessiven Nutzung von sozialen Medien diskutiert wird, ist dies nicht recht nachvollziehbar. Wer sich also für dieses Thema interessiert, greift besser zu anderen Werken.

          Schließlich sollte man beim Lesen nicht vergessen, dass zentrale Befunde auf einer Datenerhebung beruhen, die aus den USA stammt. Auch wenn es interessant ist, sich mit wichtigen Initiativen wie #Blacklivesmatter aus der Sicht von amerikanischen Jugendlichen zu beschäftigen, bleibt doch die Frage, inwieweit viele der Erläuterungen in dem Buch auf Jugendliche hierzulande zu übertragen sind.

          Das Fazit von James und Weinstein erscheint gleichermaßen erwartbar und plausibel: Nimmt man soziale Medien und Heranwachsende in den Blick, lassen sich Empfehlungen nicht auf einfache Formeln reduzieren. Das allerdings sollte einem Austausch über Möglichkeiten und Gefahren sozialer Netzwerke zwischen Jugendlichen und Eltern nicht im Wege stehen.

          Emily Weinstein und Carrie James: „Behind Their Screens“. What Teens Are Facing (and Adults Are Missing). The MIT Press, Cambridge 2022. 240 S., br., 27,– €.

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