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: So ist Autonomie nicht gemeint

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Dieses Buch war schon seit langem fällig. Es behandelt Charakter und Wandel des katholischen Staatsdenkens, auch und vornehmlich in Deutschland, von der Französischen Revolution bis hin zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Das ist eine spannende und zuweilen auch dramatische Geschichte, denn sie umfaßt ...

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          Dieses Buch war schon seit langem fällig. Es behandelt Charakter und Wandel des katholischen Staatsdenkens, auch und vornehmlich in Deutschland, von der Französischen Revolution bis hin zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Das ist eine spannende und zuweilen auch dramatische Geschichte, denn sie umfaßt einen Weg von der strikten Ablehnung aller Grundsätze, auf welche die heutige säkulare Staatsordnung sich gründet, zu deren voller Anerkennung. Natürlich läßt sich ein solches Thema nicht isoliert mit dem Blick auf Deutschland behandeln. Die Frage nach dem katholischen Staatsdenken in Deutschland weist über sich hinaus nach dem katholischen Staatsdenken allgemein, wie es sich in kirchenamtlichen Verlautbarungen, nicht zuletzt päpstlichen Lehrschreiben und Entscheidungen, darstellt. So werden der Inhalt und die Umorientierung des kirchlichen Staatsdenkens überhaupt, ja der kirchlichen Grundpositionen zum Verhältnis von Kirche und Welt zum eigentlichen Thema.

          Das so gefaßte Thema wird von Rudolf Uertz mit umfassender und profunder Kenntnis der Sache und der Literatur, einem klaren Problembewußtsein und der Bereitschaft zu kritischer Reflexion behandelt. Seine Fragestellung ist nicht primär eine historische, wiewohl die geschichtlichen Konstellationen und der Gang der Entwicklung stets einbezogen werden, auch keine theologische, die auf den glaubensmäßigen Wahrheitsgehalt der unterschiedlichen und sich wandelnden Lehren und Positionen zielt, sondern eine politikwissenschaftliche. Sie fragt nach Inhalt und Eigenart der vertretenen Theorien und Theoriegebäude, zeigt deren Grundlagen auf und analysiert die Wirkungen, die davon für das politische Denken und praktische Handeln kirchlicher Amtspersonen wie der Katholiken vor Ort ausgingen. Der Verfasser nimmt dabei Fragestellungen auf, denen vor mehr als vierzig Jahren Hans Maier in seinem Buch "Revolution und Kirche" nachging, aber er erweitert sie und erreicht durch seine theorieanalytische und theoriekritische Perspektive einen neuen Horizont. Er verfolgt diese Perspektive, wiewohl es dabei um Zeitabhängigkeit und Irrtumsanfälligkeit kirchlicher Lehren mit überzeitlichem Autoritätsanspruch geht, mit voller Unbefangenheit und ohne jede apologetische Tendenz - ein Qualitätssiegel auch für die Katholische Universität Eichstätt, an der Uertz sich mit dieser Arbeit habilitiert hat.

          Der erste Teil des Buches befaßt sich mit der Antwort auf die Ideen von 1789. Uertz stellt hier nicht nur die päpstliche Antwort vor, sondern auch deren theoretisch-historischen Kontext, die Staatstheorie des Traditionalismus in ihren verschiedenen Spielarten und das historisch-organische Denken. Die päpstliche Antwort zeigt sich anhand mehrerer Verlautbarungen als eine sich steigernde prinzipielle Ablehnung eines säkularen Gemeinwesens mit Menschenrechten, Volkssouveränität und insbesondere Gewissens- und Religionsfreiheit. Diese Antwort war eine Rundumabwehr sowohl der politischen Ideen der Aufklärung, wie sie sich vor allem in der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 niedergeschlagen hatten, als auch des weltanschaulichen Liberalismus als geistiger Bewegung. Dem wurden ein geschlossener, auf der wahren Religion beruhender ordo und eine dementsprechende politische Ordnung als die von Gott gebotene und allein legitimierte gegenübergestellt. Dies verband sich mit starker Affinität zu eher traditionalistischer, an der Legitimität gottgewollter monarchischer Herrschaft orientierter politischer Programmatik - wobei auch die Erhaltung der päpstlichen Herrschaft im Kirchenstaat mit eine Rolle spielte.

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