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: So dass man denkt, wie einfach das alles ist

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Auf der Suche nach überzeugenden Antworten zu den großen Fragen des Lebens beschloss Richard Precht, Philosophie zu studieren. Nach dem Warum wollte er fragen, ohne sich mit schnellen Antworten zu begnügen. Aber das Leben, das seine Philosophieprofessoren führten, schien ihm bald erschreckend reizlos.

          Auf der Suche nach überzeugenden Antworten zu den großen Fragen des Lebens beschloss Richard Precht, Philosophie zu studieren. Nach dem Warum wollte er fragen, ohne sich mit schnellen Antworten zu begnügen. Aber das Leben, das seine Philosophieprofessoren führten, schien ihm bald erschreckend reizlos. Es waren "langweilige ältere Herren in braunen oder blauen Busfahreranzügen". Zudem bedrückte ihn, wie wirkungslos Hochschulphilosophie war. Die Aufsätze würden lediglich von Kollegen gelesen, und auch das nur, um sich davon abzugrenzen. Und der fehlende Verständigungswille auf Symposien und Kongressen desillusionierte den Doktoranden restlos.

          Doch da fiel ihm auf, dass es kaum befriedigende Einführungen in die Philosophie gibt, solche, die systematisches Interesse an den großen übergreifenden Fragen haben. Was es gibt, sei zu historisch orientiert und zu "unkulinarisch" geschrieben. Wie solle das auch anders sein, bei einer akademischen Lehre, die mehr Wert auf exakte Wiedergabe als auf die intellektuelle Kreativität der Studenten legt? Er dagegen hofft, ein Buch geschrieben zu haben, das Lust am Denken weckt und trainiert. "Denn Lernen und Genießen sind das Geheimnis eines erfüllten Lebens."

          Zum Beispiel die Liebe. 34 große Fragen hat Precht gesammelt, gelistet nach den drei Kantischen Leitfragen, wie auch der Buchtitel "Wer bin ich?" auf die Kantische Grundfrage "Was ist der Mensch?" anspielt. Dabei wird die Liebe seltsamerweise nicht der Leitfrage "Was soll ich tun?", sondern dem "Was darf ich hoffen?" zugeordnet, wo allerdings auch Freiheit und Eigentum Platz finden, so dass es sich bei dem Kantianismus wohl nur um Bildungsleergut handelt. Dreizehn Seiten sind der Antwort gewidmet, von denen fünf eine allgemeine Darstellung von Leben und Werk Niklas Luhmanns geben und andere fünf ethologische, neurobiologische und biochemische Details präsentieren. Eigentlich sind es also nur drei Seiten, die, und das mit einer Zitatcollage aus Luhmanns "Liebe als Passion", erklären, was Liebe ist. Sie ist nämlich ein soziales System von Versprechungen und Erwartungen. Je weniger der Mensch durch einen festen Rahmen der Gesellschaft bestimmt und an seinen Ort gestellt wird, um so stärker wird sein Bedürfnis danach, sich selbst als etwas Besonderes zu fühlen - als ein Individuum.

          Doch moderne Gesellschaften machen es dem Individuum nicht leicht. Was fehlt ist eine Bestätigung, in deren Spiegel sich der Einzelne als etwas Ganzes erfährt, eben als ein Individuum. Diese Selbstdarstellung leiste nach Luhmann die Liebe - das ist ihre Funktion. Nur werden Liebesbeziehungen um so spannungsloser, je mehr sich der Liebende sicher sein kann, dass seine Erwartungen erfüllt werden. Der Reiz, das Prickelnde geht verloren.

          "An diesem Punkt lohnt es sich einzuhaken, um nach einem ,Warum?' zu fragen, auf das es bei Luhmann keine Antwort gibt." Der Vorwurf ist ein klein wenig ungerecht, weil Luhmann genau nur diese eine Frage, die Frage nach der Unwahrscheinlichkeit der Liebe, behandelt. Und da die referierten Gedanken alle sich ganz zum Anfang des Buches - eher als das Selbstverständliche, von dem Luhmann ausgeht, finden - mag man sich fragen, ob Precht überhaupt weit darin gelesen hat, ein Verdacht, der sich bestätigt, wenn Precht bizarrerweise gegen Luhmann einwendet, dass Bedürfnis nach Sex für viele kein Bedürfnis nach Ganzheitserfahrung ist. Aber schließlich soll es nicht um exakte Widergabe gehen. Gehen soll es dagegen darum, dass Luhmann die Biologie vernachlässige, denn wahrscheinlich seien es biologische Gründe, die Verliebtheit nach höchstens drei Jahren sterben lassen. "Unsere Gehirne fürchten die Langeweile." "Wenn es stimmt" - festlegen will sich Precht da nicht -, was Luhmann und die Biologen lehren, ist Liebe also eine durch die biologische Uhr abgemessene Selbstdarstellung im Blick des anderen. Ich will, dass jemand mir sagt, was ich für ein toller Hecht bin, aber irgendwann ist das nicht mehr so prickelnd, und dann suche ich mir einen anderen. Da kann ich gar nichts für, das liegt an der Biologie. Ganz verdächtig ist Precht jedenfalls der "so harmlos verkleidete" christliche Anspruch, den der "bemerkenswerte" evangelische Pfarrer Dietrich Bonhoeffer formulierte: "Die Liebe will nichts von dem anderen. Sie will alles für den anderen." Letztlich geht es uns doch immer nur um uns selbst.

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