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Sloterdijks Notizbücher : Kann man sich Hegel beim Fernsehen vorstellen?

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Deutschland als Echokammer für Hysterie

Peter Sloterdijks Notizfülle dreier Jahre wäre ohne Streichung des peinvoll Alltäglichen zwar geschwollener, wohl aber kurzweiliger, vielleicht ertragreicher, womöglich begehbarer geworden? Nun, wir kennen diese Auslassungen (wieder im doppelten Sinne) nicht. Und dem Rezensenten muss ohnehin keiner folgen. Überdies und ohne Mäkelei: Der Autor Sloterdijk wollte eben kein Tagebuch aufgelegt wissen; „datierte Notizen“ sollten es sein, Cahiers, Pensées, Hypomnemata. Er ficht in diesem Sinne auch gleich eingangs wider die „Peinlichkeit des Ich-Sagens“; das hat gewiss respektable Gründe - freilich sind solche Vermeidrenkungen oft selbst peinlich. „Idiotisch bin ich, wenn ich heute festhalte, wie im Garten die Krokusse aufgehen.“ Da möchte der Leser behutsam einwenden: Nicht doch, selbst die Nachkommen werden einen Krokus zwischen all den Abstraktblüten süß duften sehen, unterdes kaum einen noch bewegen wird, dass heute ein Euro - und zu Goethes Zeiten ein Taler - scheiterte oder dass es einmal auch einen Karl-Theodor zu Guttenberg gab.

Je nun, wir leben und erleben heute, und wir bestaunen ein dieser Zeit verhaftetes Buch als Jetztsassen. Darum weiß der Einfall, Slavoj Zizek betreibe die „Aufhebung der Psychoanalyse ins Kabarett“, die Zeit- wie Geistgenossen zu entzücken. Und der Klartext: Der Königssohn Guttenberg habe „Kieselsteine gestohlen“ und solle büßen, „als seien es Juwelen gewesen“, rückt den Vorfall selbst auf den angemessenen Platz (ganz hinten), reißt aber einmal wenigstens „die intellektuelle Hetzmeute“ ins Licht; Deutschland sei, so Sloterdijk, eine „Echokammer für Hysterien und Vorwürfe“ und für „sinnlose Aufregung“.

Ein Buch voller gelungener Sätze

“Das Unglaubliche ist der einzige Maßstab, an den zu glauben immer richtig ist.“ Das steht trefflich und beständig da. „Großmutter und Enkel: nicht die tiefste, aber die schönste, die humanste Beziehung auf Erden.“ Solche Beobachtungen sind liebherzig und gut ausgelotet. Auch von den reich gestreuten Lesefrüchten Sloterdijks wissen viele zu verblüffen: Auf Suaheli seien Politiker „wabenzi“: Leute im Mercedes-Benz; der junge Freud habe als Physiologe über die Hoden des Aals (!) gearbeitet; die Futuristen, lesen wir, bekämpften die Nudel (“Antipasta“); und Napoleons Pferd, welches einst die Weltseele trug und Marengo hieß, starb wie Hegel im Jahre 1831. „Die Welt ist weiter auf Nudelkurs.“ Allein, der Leser zaudert: Muss man diese leichtgängige Art der Redegewandtheit nicht doch beargwöhnen? Und wie es Sloterdijk gelingt, alles und jedes immer recht apo-, jedenfalls benediktisch (wohlgesprochen) zu bedenken? Wohl nicht. Aber warum keimt überhaupt Misstrauen? Nun, zum einen verdankt es sich wohl der erwähnten Tilgung des aufschlussreich Unbedeutenden und der persönlichen Offenbarungen, die ihm die „Bild“-Zeitung im Interview doch abzuringen vermochte: „Ein Zuhörer wollte wissen, seit wann mein Friseur im Gefängnis sitzt. Seit 1968.“

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