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: Sind so schöne Haare

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Selten war die Ironie der Weltgeschichte so boshaft wie in dem Moment, als Ludwig XVI. zur Begründung seiner Ablehnung von Beaumarchais' "Hochzeit des Figaro" meinte: "Die Aufführung des Stücks wäre eine gefährliche Inkonsequenz, wenn man nicht zuvor die Bastille niederreißen wollte." Ob der berühmte ...

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          Selten war die Ironie der Weltgeschichte so boshaft wie in dem Moment, als Ludwig XVI. zur Begründung seiner Ablehnung von Beaumarchais' "Hochzeit des Figaro" meinte: "Die Aufführung des Stücks wäre eine gefährliche Inkonsequenz, wenn man nicht zuvor die Bastille niederreißen wollte." Ob der berühmte Léonard Autié, seines Zeichens Haus- und Hofcoiffeur von Marie-Antoinette, das unmittelbare Vorbild für den redegewandten Kammerdiener abgegeben hat, bleibt Spekulation. Seine jetzt neu edierten Lebenserinnerungen jedenfalls stehen der Eloquenz des Figaro in nichts nach. Léonard, ein kleiner Provinzler aus der Gascogne, vollzieht seine Entree nach Paris im Jahr 1769 an der Barrière d'Enfer.

          Er sucht und findet dort sein Glück: Glaubt man der autobiographischen Selbststilisierung seines Journals, so vollzog sich sein kometengleicher Aufstieg zum "berühmtesten Friseur des Universums" vor allem mittels seiner herausragenden erotischen Qualitäten in den Betten der gelangweilten Grandes Dames.

          Noch recht bescheiden beginnt er diese erotische Karriere mit der kleinen Tänzerin Julie, deren unerwarteter Triumph auf den Pariser Bühnen sich allein Léonards phantastischen Frisuren verdankt und die er sehr schnell abserviert, nachdem er die Marquise de Langeac liebengelernt hat. Diese wiederum zog dann später die sapphische Zuneigung von Marie-Antoinette den Männlichkeitsbeweisen des Friseurs vor. Selbst die Mätresse von Louis XV., Madame du Barry, ließ sich von Léonard auf angeblich mehr als königliche Weise beglücken. 1779 machte dann schließlich Marie-Antoinette ihren Anspruch auf diesen nicht nur frisurtechnisch innovativen, sondern auch literarisch hochgebildeten Coiffeur geltend. Léonard bleibt über Jahre hinweg ein treuer Begleiter des bourbonischen Königshauses bis zu dessen fataler Flucht nach Varennes, an deren Organisation er beteiligt war und deren Scheitern die royalistische Kritik ihm bisweilen angelastet hat. Nach langen Jahren des Exils in Deutschland und Russland kehrt er erst 1814 nach Paris zurück, wo er 1820 verarmt stirbt.

          Geradezu emblematisch für die letzten Jahre des Ancien Régime waren Léonards auf schwankendem Grund errichtete Haartürme, in die Federn, Schiffsmodelle und Automaten eingearbeitet waren. So präsentierte die Herzogin von Chartres eines Abends eine dieser einsturzbedrohten Frisuren mit der Figur einer Dame im Fauteuil, die ein Kind auf dem Arm hielt und damit den Herzog von Valois mit seiner Amme versinnbildlichte.

          Rechts von ihr sah das entzückte Publikum einen Papagei, der an einer Kirsche pickte, und links davon stand ein kleiner schwarzer Page. Die Damen konnten die Schönheit ihres fragilen Kopfputzes oft nur dadurch retten, dass sie knieend in ihren Kutschen zu den abendlichen Lustbarkeiten fuhren. In den Theatern waren die meterhohen Frisuren ein Ärgernis für Zuschauer, die wenig an der neuesten Kreation Léonards "à l'hérisson" oder "à l'abondance" interessiert waren. Aber der Hauscoiffeur der Dauphine konnte auch anders, wenn man einer seiner vielen wahnwitzigen Geschichten in seinem Journal Glauben schenken darf: Nur durch seine geniale Idee, Marie-Antoinette eine Kurzhaarfrisur "à l'enfant" als den neuesten Schrei und als einmalige Chance des Trendsettings in der Pariser Modeszene zu verkaufen, verhinderte er ihren vollständigen Haarausfall und damit den Verlust seiner lukrativen Anstellung.

          Viele dieser galanten, pikanten und indiskreten Histörchen in der schillernden Autobiographie erscheinen dem heutigen Leser an den Haaren herbeigezogen und von großer Lust am Fabulieren stimuliert. Doch gerade die koketten Wortspiele, die elegant-galanten Redegefechte, die maliziösen Intrigen und denunziatorischen Schmähschriften, die Léonard genüsslich zitiert, machen die Qualität dieses literarischen Kleinods aus der Zeit der Libertinage aus. Léonards Journal ist nicht nur im Duktus der eitlen Aufschneiderei und Übertreibung ein ebenbürtiger Nachfolger von Benvenuto Cellinis fulminanter Autobiographie: Jede Frisurenkreation wird für den Haarkünstler zum erneuten Perseusguss, und er bemüht alle Topoi einer gelungenen Künstlerbiographie, um sein Leben zu einem mühelosen Überwinden von Widerständen und zum Überbieten aller früheren Meister zu stilisieren.

          Als das Journal mit seinen nicht immer jugendfreien Schilderungen der Sitten und Unsitten am französischen Königshof während der Julimonarchie erschien, wurde in royalistischer Abwehrreaktion schnell der Verdacht laut, es könne sich hier nur um eine Fälschung handeln. Und bis heute ist es der Forschung nicht gelungen, die Authentizität des Textes und Léonards Autorschaft zweifelsfrei zu belegen, was den Lektüregenuss jedoch in keiner Weise schmälert.

          Zwar tritt das eigentliche Metier Léonards im immer exzessiveren Fabulieren zunehmend in den Hintergrund. Aber es ist ja eigentlich auch viel interessanter, galant-witzige Einblicke in die High Society des französischen Ancien Régime zu erhalten, mit Léonards Augen die Sachkultur und Modewelt der Zeit zu inspizieren, zu erfahren, dass der Dauphin und spätere König Louis XVI. stets zu laut lachte und ein standesungemäßes Faible für Kunstschlosserei pflegte - von den unzähligen, in höchster literarischer Könnerschaft dargebotenen bijoux indiscrètes des verkommenen Adels und Klerus ganz zu schweigen. Nach Beendigung der Lektüre dieses veritablen Romans einer Epoche gewinnt der Ausbruch der Französischen Revolution jedenfalls eine geradezu zwingende Plausibilität.

          CHRISTINE TAUBER

          Léonard Autié: "Journal de Léonard, coiffeur de Marie-Antoinette". Les éditeurs libres, Paris 2007. 256 S., br., 23,- [Euro].

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