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: Sind Pendler unglücklich?

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Pendeln vom Wohnort zum Arbeitsplatz und zurück ist kein Spaß. Wer jeden Tag teilweise mehrere Stunden im Auto oder in überfüllten Zügen verbringt, im Stau steht oder sich über Verspätungen ärgert, weiß ein Lied davon zu singen. Pendeln kostet Zeit und Geld, verursacht Streß und belastet das Privatleben. Warum ...

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          Pendeln vom Wohnort zum Arbeitsplatz und zurück ist kein Spaß. Wer jeden Tag teilweise mehrere Stunden im Auto oder in überfüllten Zügen verbringt, im Stau steht oder sich über Verspätungen ärgert, weiß ein Lied davon zu singen. Pendeln kostet Zeit und Geld, verursacht Streß und belastet das Privatleben. Warum pendeln dennoch so viele Menschen? Weil es halt anders nicht geht, wird der gemeine Pendler antworten. Am Wohnort gibt es keinen adäquaten Arbeitsplatz, und in der Nähe des Arbeitsplatzes will man entweder nicht wohnen, oder der Wohnraum ist dort nicht bezahlbar.

          In der Sprache der ökonomischen Theorie wird dieser Gedanken etwas komplizierter ausgedrückt, gemeint ist aber dasselbe: Das pendelnde Individuum hat eine rationale Entscheidung getroffen. Es hat die Kosten des Pendelns abgewogen gegen den Nutzen, der daraus entsteht, daß man an einem entfernteren Arbeitsplatz mehr verdient als am Wohnort - oder daraus, daß man an einem vom Arbeitsplatz weiter entfernten Ort weniger für die Wohnung bezahlen muß. Wer pendelt, wird also durch einen besser vergüteten Arbeitsplatz oder eine preiswertere Wohnung "kompensiert". Für den einzelnen markiert das so erzielte "Pendel-Gleichgewicht" das jeweils optimale Kosten-Nutzen-Verhältnis. Und weil er die optimale Mischung gefunden hat, müßte jeder Pendler mit seinem Status zufrieden sein.

          Ist er aber nicht, sagen die Schweizer Ökonomen Alois Stutzer und Bruno Frey. Sie behaupten: Pendler sind systematisch unglücklicher als jene, deren Weg zur Arbeit kurz ist. Wie sich das herausfinden läßt? Stutzer und Frey bedienen sich der Umfrageergebnisse des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) für Deutschland. Darin werden 20 000 Personen jedes Jahr zu ihren Lebensgewohnheiten und vielem mehr befragt - auch zu ihrer beruflichen Mobilität und ihrer Lebenszufriedenheit. Wenn die Logik des Pendel-Gleichgewichts zuträfe, so Stutzer und Frey, könne es keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der täglichen Pendelzeit und der individuellen Zufriedenheit geben. Einen solchen Zusammenhang haben sie aber aus den SOEP-Daten abgeleitet: Jene, die viel Zeit pendelnd verbrächten, seien im Schnitt unglücklicher als jene, die kaum pendeln. Das sei keine zufällige Übereinstimmung, sondern ein klarer kausaler Zusammenhang. Weil das Ergebnis der gängigen ökonomischen Ratio widerspricht, sprechen Stutzer und Frey von einem "Pendel-Paradox".

          Pendler sind unglücklicher als Nichtpendler - man muß wohl Ökonom sein, um das paradox zu nennen. Intuitiv wird man es eher einleuchtend finden - wenn es denn überhaupt einen Zusammenhang zwischen Pendeln und persönlichem Glück gibt. Für Stutzer und Frey ist denn auch nicht der Befund selbst bemerkenswert, sondern die Tatsache, daß er die allgemeine Gleichgewichtstheorie widerlegt, die hinter der Kompensationslogik steckt: Träfe diese zu, müßten Pendler und Nichtpendler im Durchschnitt gleich glücklich sein. Stutzer und Frey verwerfen alle Erklärungen, die den Befund innerhalb der konventionellen Ökonomik plausibel machen könnten, etwa daß ein Wechsel von Wohnung oder Arbeitsplatz Transaktionskosten verursacht und es daher rational sein kann, diesen Wechsel nicht zu vollziehen.

          Nein, ökonomisch lasse sich nicht erklären, warum die Menschen so viel pendeln, der Homo oeconomicus stoße da an seine Grenzen. Deshalb schlagen Stutzer und Frey psychologische Erklärungen vor. Die erste Erklärung: Die Menschen sind nicht in der Lage, die "wahren" Kosten des Pendelns etwa in Form von Streß zu erkennen, während sie den Nutzen eines höheren Einkommens in Euro und Cent ablesen können. Eine zweite, verwandte Erklärung lautet: Die Menschen bewerten Verluste, die aus einer Verhaltensänderung entstehen, systematisch höher als Gewinne. Wer also lange im Auto oder im Zug sitzt, sieht nicht, was er nach einem Arbeitsplatzwechsel mit der gewonnenen Zeit anfangen könnte. Den resultierenden Einkommensverlust aber kennt er.

          Man wird einwenden dürfen, daß der Erklärungswert dieser Hypothesen noch nicht sehr hoch ist - und daß auch sie einer empirischen Überprüfung bedürfen. Und wie ist es mit der dritten Erklärung? Der Mensch sei schlicht zu faul und willensschwach, um seine Pendelzeit zu reduzieren, schreiben Stutzer und Frey. Er verschiebe seine Suche nach einer neuen Wohnung oder einem neuen Arbeitsplatz von Woche zu Woche. "So wie manche Leute mehr rauchen, als sie wollen, pendeln sie auch mehr, als sie wollen." Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach - ob sie diese biblische Weisheit nun der Ökonomik als neues Verhaltensmodell empfehlen, verraten die beiden nicht. Eines aber verraten sie schon: Alles erklären können sie auch nicht.

          Alois Stutzer, Bruno S. Frey: Stress That Doesn't Pay: The Commuting Paradox, 2003, www.iew.unizh.ch/wp/iewwp151.pdf

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