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Simone Weil in neuen Ausgaben : Was soll die Seele wollen?

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Das Ideal der „Einwurzelung“

Dass die Mechanismen parlamentarischer, republikanischer und anderer bürgerlicher Demokratien demgegenüber nur als System egoistischer Interessenvertretungen verstanden werden, ist konsequent; die Gefahr einer mystischen Theokratie ebenfalls. Offensichtlich verfolgt Simone Weils Idee einer „Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber“ in einem strikten Sinne die Überwindung, wenn nicht gar Rücknahme der Revolution von 1789. Damit steht sie nicht allein im politischen Klima der vierziger Jahre, das geprägt ist vom Versagen der republikanischen, repräsentativen Demokratie und das an vielen Stellen die Rückkehr zu Essentialwerten in der Politik propagierte.

Simone Weil befindet sich damit sogar in heikler Nähe zum Regime von Vichy, gegen das sie politisch ausdrücklich antrat. Die Diagnose der „Entwurzelung“ von Arbeitern, Bauern und Nation, gegen die sie ihr Ideal der „Einwurzelung“ setzt, zählte zu den Kernbegriffen jener Ideologie, die „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ durch „Arbeit, Familie, Vaterland“ ersetzt hatte. Weils Vorstellung von einer Gesellschaftsorganisation, die sich an kleinen Einheiten, an der Bedeutung von Regionen, von direkter Einflussnahme und von elementaren Grundbedürfnissen orientiert, ist auch eine bewusste Negierung der komplexen, entwickelten Industriegesellschaften. Simone Weil befindet sich damit genau in all den Aporien der eigenen Epoche, die sie mit ihrer „Einwurzelung“ austreiben wollte.

Das Irritierende an der Neuausgabe ist, dass nichts von alledem in ihr zu finden ist. Kann man einen solchen Text siebzig Jahre nach seiner Entstehung ohne Kommentar und Einführung lesen, als handele es sich um eine Stellungnahme zu wesentlichen Fragen der politischen Moral und Verantwortung? Wäre es nicht zwingend notwendig gewesen, die apodiktischen, gleichsam mit religiösem Ewigkeitsanspruch dastehenden Axiome Simone Weils in jenen Kontext zu verflechten, der sie als das kenntlich macht, was sie sind: der Versuch einer Zukunftsperspektive im Augenblick, da Europa sich fast vollständig in der Macht des Nationalsozialismus befindet?

Diese Arbeit ist hier dem Leser überlassen, wobei ihm die Lektüre von „Krieg und Gewalt“ ein Stück weit zu Hilfe kommt. Aufsätze wie „Einige Überlegungen zu den Ursprüngen des Hitlerismus“ oder „Dieser Krieg ist ein Religionskrieg“ zeigen dabei in konzentrierter Form die Originalität, aber auch die Gefahr in der Verknüpfung von Historie, Religion und Gegenwartsdeutung, die Weils Denken prägt. Am produktivsten löst sie ihre Intention gerade dort ein, wo sie von der Gegenwart am weitesten zurücktritt, nämlich in „Die Ilias oder das Poem der Gewalt“ von 1940/41. Dieser Aufsatz, einer der großen Essays des zwanzigsten Jahrhunderts, der allein schon die Lektüre des Bandes lohnt, ist zugleich eine zwingende Deutung der „Ilias“ und eine Macht- und Gewalttheorie, die Foucault um Jahrzehnte vorwegnimmt.

Unkontrollierte Machtausübung als Grundübel

Die Ausübung von Gewalt beschreibt Simone Weil als eine gleichsam naturgesetzliche Konstante der condition humaine - Weil benutzt den physikalischen Begriff „force“ -, die nur durch den religiösen Sprung überwunden werden könne. Die „Ilias“ ist für sie schonungs- und zeitloses Bild irdischer Macht- und Gewaltausübung und deshalb Prinzip höchster Gerechtigkeit und Unparteiischkeit gegenüber den gleichermaßen leidenden Kriegsgegnern.

Jean Paulhan hat seinerzeit die Publikation des Aufsatzes in der „Nouvelle Revue Française“ abgelehnt: Zu vordergründig empfand er wohl den Bezug auf den gegenwärtigen Moment der Weltgeschichte. In diesem Fall hat das Verblassen des Zeitkerns dem Text genützt; hervorgetreten ist eine Analyse, die im unkontrollierten Ausüben von Macht das gleichsam anthropologische Grundübel der politischen Geschichte sieht. Die These und vor allem die Darstellung durch das griechische Epos hindurch sind faszinierend - selbst wenn der von Simone Weil ins Auge gefasste Ausweg, der religiöse Sprung, nicht überzeugen kann.

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