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Buch über Michel Foucault : Likör, Musik und Wüstennacht

Wo Michelangelo Antonioni fünf Jahre zuvor sein Love-in gedreht hatte: Michel Foucault (links) mit Michael Stoneman 1975 am Zabriskie Point im Death Valley Bild: Photograph by Simeon Wade, by permission of David Wade

Mit einem berühmten Pariser Philosophen, vorbereiteten Dosen LSD und Stockhausen aus dem Kassettenrecorder im Death Valley: Simeon Wades Bericht über Tage mit Foucault im Frühsommer 1975 in Kalifornien.

          2 Min.

          Im Frühsommer 1975 folgte Michel Foucault, gerade zum ersten Mal für einige Wochen Gastprofessor in Berkeley bei San Francisco, einer Einladung in das kleine kalifornische Städtchen Claremont. Ein Vortrag an der dortigen Hochschule gab den Anlass, aber der junge Assistenzprofessor und glühende Verehrer Foucaults, der diesen Besuch einfädelte, hatte noch anderes vor, eine Art von Experiment: Sein Idol sollte die Erfahrung mit einem „himmlischen Elixier“ machen, das den Geist erweiterte. Denn was stand nicht alles zu erwarten, wenn ein solcher Intellekt den flüssigen „Stein der Weisen“ zu sich nehmen würde. Noch dazu in einer dafür gut gewählten Umgebung, nämlich der grandiosen Naturkulisse des Death Valley in der Mojave-Wüste.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Und tatsächlich wurde daraus der erste LSD-Trip Foucaults, in der nächtlichen Wüste, mit Stockhausens „Gesang der Jünglinge“ und Richard Strauss’ „Vier letzte Lieder“ aus dem Kassettenrecorder, zusammen mit Simeon Wade und dessen Partner Michael Stonemann, einem Musiker. „Ein unvergesslicher Abend mit LSD in sorgfältig vorbereiteten Dosen, in der Wüstennacht, mit köstlicher Musik, netten Leuten und etwas Likör“, so zitierte David Macey eine Äußerung Foucaults über diese Nacht in seiner Foucault-Biographie. Um dann aber gleich anzufügen, dass die Berichte jener, die von Foucault gehört haben wollten, diese Nacht habe sein Leben verändert, wohl mit Skepsis zu betrachten seien.

          Was damals noch nicht vorlag, sondern nur als Gerücht umging, war ein Bericht von Simeon Wade über dieses Wochenende mit Foucault und eine daraus entstandene Freundschaft. Vor fünf Jahren machte sich dann die amerikanische Autorin Heather Dundas auf die Suche nach Wade, mit dem Vorsatz, die ganze Geschichte in sich zusammenfallen zu lassen: Was sollte denn einen Star der philosophischen Szene mit diesem nicht weiter auffälligen, erfolglosen Dozenten verbunden haben? Aber als sie den in den Siebzigern stehenden Wade aufgespürt hatte, kam das Projekt auf eine ganz andere Bahn.

          Country Joe Foucault in den Bergen

          Denn es verdichteten sich die Belege, dass Wade zu trauen war. Es gab wirklich das veröffentlichte Foto, das Foucault mit dem kalifornischen Paar noch 1981 zeigt. Und es gab tatsächlich die Briefe, die Foucault unmittelbar nach der Rückkehr nach Paris und auch in späteren Jahren noch an Wade geschrieben hatte. Diese Briefe wurden erst nach dem Tod Simeon Wades im Oktober 2017 in seiner Hinterlassenschaft gefunden; sein Bericht über die Tage mit Foucault im Jahr 1975 war da schon dank Dundas auf dem Weg zur Veröffentlichung als Buch. Jetzt liegt es vor und man begegnet darin einem Foucault, der die Gesellschaft seiner beiden Gastgeber und ihrer Freunde genoss. Was mit der Bewunderung für ihn nichts zu tun hatte, eher schon verknüpft war mit geteilten Erfahrungen in homosexuellen Szenen, deren Spielarten in San Francisco Foucault bereits beeindruckt hatten. Mädchen und Frauen tauchen gar nicht auf, nur junge Männer, deren Erscheinung zu beschreiben Wade fast nie vergisst. Etwa als die drei eine kleine „taoistische“ Gemeinschaft in den Bergen besuchen, wo Foucault sich auch ans Holzhacken macht, was ihm prompt die Titulierung „Country Joe Foucault“ eingetragen habe. Vor und nach dem Holzhacken geht es etwa um Existentialismus, Gramsci, Althusser oder die Frage, welche psychotherapeutische Schule er am ehesten empfehle.

          Das „Buch über sexuelle Repression“

          Aber im Zentrum steht natürlich der LSD-Trip, den Foucault später in einem Brief an Wade als „eine der wichtigsten Erfahrungen in meinem Leben“ bezeichnen wird. Und ebenso schreibt er an den neuen Freund in Kalifornien, dass er mit seinem „Buch über sexuelle Repression“ – also über die von ihm sogenannte Repressionshypothese – wieder von vorn beginnen müsse. Tatsächlich verwarf Foucault nach der Rückkehr aus Berkeley das Programm der geplanten fünf Bände von „Sexualität und Wahrheit“. Sollte diese Geschichte ursprünglich bei der nachtridentinischen Theologie ansetzen, so ging sie nun bis zurück in die Antike. Natürlich kann man dafür nicht einfach die Erfahrung im Death Valley in Anspruch nehmen, aber eine Rolle mag sie gespielt haben. Auf jeden Fall hat sie jetzt ein unerwartetes, auf einnehmende Weise schräges Buch über Foucault hervorgebracht.

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