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Über die Nachtigall : Dieser Vogel ist so laut wie eine Holzfräse

  • -Aktualisiert am

In mancher Hinsicht durchschnittlich, dafür aber ein Weltklasse-Sänger: die Nachtigall Bild: picture alliance / Christian Naumann/Naturphotos

Wer ordentlich singt, kümmert sich auch besser um den Nachwuchs: Die Biologin Silke Kipper legt ein ausgezeichnetes Porträt über die Nachtigall vor.

          2 Min.

          Dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo: Quio tr rrrrrrr itz. Lü lü lü lü ly ly ly ly li li li li. Quio didl li lülyli. Und, haben Sie gleich erkannt, worum es sich hier handelt? Dem Naturforscher Johann Matthäus Bechstein zufolge klingt so „Das Lied der Nachtigall“. Eine, das wird man sagen dürfen, gewagte Transkription. Immer wieder haben Vogelfreunde versucht, die Laute der Nachtigall in eine passende Buchstabenfolge zu überführen, immer wieder haftete den Bestrebungen etwas Halbgares an.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Biologin Silke Kipper hat nun ein Buch über die in Sagen und Literatur prominent vertretene Art aus der Familie der Fliegenschnäpper vorgelegt. Wer sich über deren Zugverhalten, Lernfähigkeit, kulturellen Status und Gesangstalent in möglichst kurzweiliger und streckenweise sehr witziger Form informieren will, wird keine bessere Quelle finden. Seit zwanzig Jahren forscht Kipper über diesen, man darf es nicht verschweigen, in mancher Hinsicht durchschnittlichen Singvogel: Die Nachtigall ist intensiver gefärbt als der Fitis, aber bei weitem nicht so prächtig wie der Gimpel. Sie erreicht das Brutgebiet nach dem Hausrotschwanz, aber früher als der Mauersegler. Sie ist seltener als die Amsel, verglichen mit der Zippammer jedoch allgegenwärtig.

          Silke Kipper: „Die Nachtigall“. Ein legendärer Vogel und sein Gesang.
          Silke Kipper: „Die Nachtigall“. Ein legendärer Vogel und sein Gesang. : Bild: Insel Verlag

          Auch die Zahl „außerehelicher“ Nachkommen pro Nest liegt bei ihr im mittleren Bereich. Vor dreißig Jahren haben Wissenschaftler mit klaren moralischen Vorstellungen der Nachtigall noch eine „monogame Saisonehe“ unterstellt, tatsächlich sehen die Verhältnisse laut Kipper allerdings anders aus: „Eine Untersuchung der Verwandtschaft von 65 potenziellen Vätern und über hundert Kü­­ken ergab, dass etwa jedes fünfte Küken nicht von seinem sozia­len Vater, also dem Fütterer am Nest, gezeugt worden war.“

          Dass der unscheinbare Vogel so beliebt ist, verdankt sich natürlich seinem Gesang, der mit bis zu neunzig Dezibel die Lautstärke einer Holzfräse erreichen kann und aus etwa hundertachtzig Strophentypen besteht. Jede Strophe setzt sich wiederum aus vier Teilen zusammen. Den Anfang machen leise Schmatzgeräusche. Anschließend werden kräftigere Elemente in kontrastierenden Tonlagen dargeboten, die zum Herzstück überleiten, bei dem die Nachtigall zackig-kraftvolle Schläge abfeuert. Zum Schluss spendiert sie den Zuhörern noch eine einzelne hochfrequente Komponente. Übrigens trägt der Vogel seine Strophen „jedes Mal auf dieselbe Art und Weise vor“. Er verfügt, mit anderen Worten, über eine enorme Palette, bringt diese aber stereotyp zu Gehör.

          Kipper hat zahllose Nachtigallen in Berlin aufgenommen und deren digital generierte Klangbilder analysiert. Ein erhobener Befund ist etwa, dass mehr Ordnung in der Gesangssequenz mit einer stärkeren Beteiligung bei der Versorgung der Jungen korreliert. Von solchen Erkenntnissen konnte Johann Matthäus Bechstein beim Verfassen seiner Dada-Transkription nur träumen.

          Silke Kipper: „Die Nachtigall“. Ein legendärer Vogel und sein Gesang. Insel Verlag, Berlin 2022. 176 S., Abb., geb., 20,– €.

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